Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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Kants Analytik des Schönen.
Von
Kasimir Filip Wize.
Die Voraussetzungen Kants für seine Kritik der Urteilskraft fließen
aus zweifacher Quelle. Die einen stammen aus dem festen Willen,
überall und immer, so auch hier in der Kritik des Geschmacks, wie
diese Kritik ursprünglich heißen sollte, Grundsätze a priori zu finden,
die anderen aus dem Versuch, für das Schöne Begriffsbestimmungen
mit Hilfe der logischen Kategorien aus der Kritik der reinen Vernunft
zu ermitteln.
Kant suchte erst nach Grundsätzen a priori für die Kritik der
Urteilskraft. Davon zeugen Worte aus einem Briefe an Reinhold1):
»Denn die Vermögen des Gemüts sind drei: Erkenntnisvermögen,
Gefühl der Lust und Unlust und Begehrungsvermögen. Für das erste
habe ich in der Kritik der reinen (theoretischen), für das dritte in der
Kritik der praktischen Vernunft Prinzipien a priori gefunden. Ich
suchte sie auch für das zweite, und ob ich es zwar sonst für un-
möglich hielt2), dergleichen zu finden, so brachte das Systematische,
das die Zergliederung der vorher betrachteten Vermögen mich im
menschlichen Gemüte hatte entdecken lassen, und welches zu be-
wundern und, womöglich zu ergründen, mir noch Stoff genug für den
Überrest meines Lebens an die Hand geben wird, mich doch auf diesen
Weg, so daß ich jetzt drei Teile der Philosophie erkenne, deren jede
ihre Prinzipien a priori hat, die man abzählen und den Umfang der
auf solche Art möglichen Erkenntnis sicher bestimmen kann; — theo-
retische Philosophie, Teleologie und praktische Philosophie, von denen
freilich die mittlere als die ärmste an Bestimmungsgründen

ö Kants Werke, herausgegeben von Kirchmann, VIII, 461.
2) Noch in den Vorlesungen über Logik (Pölitz), die nach Schlapp aus den
achtziger Jahren stammen, lesen wir: »Aber die Regeln des Geschmacks lassen sich
nicht beweisen, i. e. a priori erkennen, denn sie sind Regeln der Sinnlichkeit.«
Schlapp, Kants Lehre vom Genie und die Entstehung der Kritik der Urteilskraft
S. 220.
Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. IV. 1
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