Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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BESPRECHUNGEN.

sam erfaßt und wirklich umgestaltet. Sprachfähig kann die Prosa ein Wort machen,
lebendig macht es nur die Lyrik.
Von unserem dritten Prinzip brauchen wir nach diesem nicht mehr zu sagen,
als daß es sich das epische unterordnet. Es erhält im Drama seine Erfüllung und
stellt die Sprache als Trägerin und Verkünderin der Willensmeinung dar, es ist das
moralische Prinzip, das aus seinem Wesen heraus bestrebt sein muß, »Gescheh-
nisse in ihrer Wirkung zu zeigen«.
Und was ist geblieben von der Autonomie des Künstlers? Das Genie, sein
Material zweckmäßig zu bedienen.

Besprechungen.

Kurt Schuder, Friedrich Hebbel, Denker, Dichter, Mensch. Leipzig,
Verlag von Otto Weber. 68 S. 8°.
Es muß von vornherein Bedenken erregen, wenn Schuder eine Darstellung an-
kündigt, »die alle Kräfte in Hebbel miteinander in Verbindung und Beziehung setzt,
die fragt, wie das einzelne zueinander steht, wie es aufeinander wirkt« u. s. w.,
und wenn er es zugleich ablehnt, diese Kräfte im einzelnen genauer zu betrachten,
d. h. Hebbels Ästhetik, seine Philosophie und die Eigenart seines Dichtens gründ-
lich zu untersuchen (5). Wie soll ein treues Gesamtbild zu stände kommen, wenn
die einzelnen Züge, aus denen es resultiert, nur flüchtig angesehen werden, und
was soll die Grundlage abgeben für den »allgemeinen Zusammenhang«, von dem
aus ein Bild von Hebbels »gesamtem geistigen Leben« (ebenda) gewonnen werden
soll? Man vermutet: hier wird nicht auf festgefügte Erkenntnisse gebaut, sondern
auf rasch gebildete Urteile und allgemeine Eindrücke. Und die Vermutung be-
stätigt sich.
Hebbels Philosophie, sein System, ohne das man nie bei ihm auskommt, und
ohne das auszukommen auch Schuder gar nicht beabsichtigt, wird in wenigen Zeilen
abgetan (7, 53), die keinen Begriff von ihm zu geben vermögen; ja selbst das
wenige, das sie bringen, ist unzutreffend. Die Folgen dieser Behandlung des
Systems zeigen sich besonders deutlich bei der Besprechung einiger Dramen, die
Schuder vornimmt. So behauptet er, die Tätigkeit der »Idee« bestehe darin, An-
griffe auf die Menschen zu unternehmen, sie zu vernichten und einzuschlucken (22,
24, 26, 7, 53). Allerdings fällt in Hebbels Drama jeder Schuldige als ein Opfer der
Idee, aber es ist ganz verfehlt, die Sache so darzustellen, als kreise die Idee wie
ein feindlicher Dämon über allem Individuellen, immer bereit, vernichtend herab-
zustoßen und Verderben zu bringen. Die Folge dieser Auffassung ist, daß Schuder
in dem Blutbefehl, den Herodes für Mariamne zurückläßt, einen direkten Angriff
der Idee auf Mariamne sieht (20), Herodes als »Vertreter der Idee«, als ihr Werk-
zeug, anspricht (18) und meint, Mariamne hätte sich »nach den Forderungen Heb-
bels« den Blutbefehl gefallen lassen müssen (20), eben weil er von der Allbe-
herrscherin Idee ausging.
Eine solche Spaltung der Welt in zwei kämpfende Potenzen (Idee und Indi-
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