Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

Page: 532
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1909/0536
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XI.

Beiträge zur Psychologie des Kunstschaffens.
Von
Josef Klemens Kreibig.
1.
Eine Unzahl von Dingen kommt uns täglich zu Gesicht, die wir
beim besten Willen nicht selbst verfertigen könnten — nicht einmal
im Gedanken, da uns das Verfahren der Herstellung unbekannt ist.
Trotzdem staunen wir weder die Dinge noch ihre Erzeuger an. Wir
hegen eben die sichere Meinung, daß jeder Durchschnittsmensch, gute
Anleitung und entsprechende Übungszeit vorausgesetzt, so weit ge-
bracht werden könne, um derlei Gegenstände in gewohnter Güte zu
produzieren.
Anders bei Werken der Kunst. Sie ergreifen uns nicht nur an
sich durch ihre Eigenart und Vollendung, sondern flößen uns auch,
wenn wir nach ihrem Zustandekommen fragen, eine charakteristische
Verwunderung ein. Das spontane Finden des wirksamen Inhalts, das
Bilden und Ausgestalten dieses Stoffes, das feinsinnige Zusammen-
passen der Glieder zur Gestalt des ästhetischen Ganzen — alles das
beruht auf Fähigkeiten, bezüglich derer wir das bestimmte Bewußtsein
haben, daß sie nicht eigentlich erlernbar sind und im wesentlichen
auf eine Anlage einzelner begnadeter Menschen zurückgehen. Diese
Einsicht ist übrigens nur ästhetisch Gebildeten zugänglich. So wenig
der Wilde an einem Theodoliten etwas Bewundernswertes findet, so
wenig begreift der typische Philister die Größe im Aufbau einer Sym-
phonie. Wir lesen ja, daß selbst ein Marius, also ein Genie besonderer
Art, seinen Soldaten bei der Bergung der Beute drohte, sie müßten
die etwa zerschlagenen griechischen Statuen ersetzen. Umso eifriger
sind die Psychologen und Ästhetiker seit zwei Jahrtausenden bemüht,
das innere Wesen des Kunstschaffens begreiflich zu machen, wobei
sie mit Vorliebe solche Berichte zu Rate ziehen, welche die zur Aus-
kunft Berufensten, die Künstler selbst, uns geliefert haben. Trotz des
ungeheuren Anwachsens des Urteilsmateriales zeigen aber die Lehren
der Theoretiker und nicht minder die der Praktiker in Kunstsachen
loading ...