Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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Bemerkungen

Autonomie des Künstlers und Autonomie der Kunst.
Von
Bernd Isemann.
Mit unseren Vorstellungen von der Freiheit künstlerischen Schaffens ist es uns
ähnlich ergangen wie mit den Dogmen der Willensfreiheit. Haben wir es hier er-
lebt, daß uns die Theorie von einem moralisch neutralen, einzig durch die Kenntnis
des Sittengesetzes beeinflußbaren Menschen einer anderen entgegengesetzt wurde
von einem fatalistisch bedingten, gegen alle Gerechtigkeit in den Kreis der Kausa-
lität gezerrten Menschen, daß auf beiden Seiten heftig gestritten wurde, und es sich
schließlich erweisen mußte, daß Willensfreiheit ohne Beteiligung der Urteilskräfte
den Namen »Freiheit« nicht verdient, die Tatsache aber, daß die Kausalität in uns
selber wirkt, Freiheit genug ist und im freiesten Sinn, so erleben wir es auf ästhe-
tischem Gebiet, daß die Autonomie des Künstlers hier als Willkür verherrlicht, dort
unter der bitteren Probe ästhetischer Voreingenommenheit ins Joch gezwungen und
negiert wird zu Gunsten einer engherzigen Schablone.
Aus Willkür aber ebensowenig wie aus Zwang kann das entstehen, was als
Kunst in uns lebendigster Genuß ist. Um einen richtigen Begriff von der Auto-
nomie des Künstlers zu geben, wendet sich die Betrachtung von selbst der Frage
zu, welche allgemeinen Widerstände sich dagegen erheben, und auf welchem Gebiet
sie sich auftun. Soweit sie sich freilich im Künstler selbst auswirken, können sie
hier nicht in Betracht kommen, da diese schon an und für sich in seine Autonomie
eingeschlossen sind.
Wir sehen also ganz vom Typus des Künstlers ab, ebenso von der interessanten
Frage, wie sein Schaffen psychologisch vor sich gehen mag, und nehmen vielmehr
zu unserem Ausgangspunkt, was jeder Laie über Kunst weiß, und zwar über das
konkrete Kunstwerk. Dieses stellt sich uns vor allem als sinnfällige Erscheinung
dar, hier liegt unsere Aufgabe.
Der Rahmen dieser Arbeit umfaßt ausschließlich die literarische Kunst, nicht
nur deshalb, weil von dieser aus die Analogie auf die anderen Künste ohne
Schwierigkeit zu führen ist, sondern vor allem aus der Erwägung heraus, daß sich
bei Berücksichtigung der literarischen Kunstwerke in der Analyse das Problem be-
sonders verwickelt gestaltet und interessant löst. Durchaus begründeten und nahe-
liegenden Einwürfen wird so von vornherein Gelegenheit geboten werden, sich an
der Lösung selbst zu beteiligen.
Es bedarf keiner näheren Erklärung, daß wir bei jedem literarischen Erzeugnis
die Sprache als das Material anzusehen haben, in welchem der Dichter schafft:
gewiß ein einheitliches Material, und anscheinend das gleiche für den Lyriker, den
Epiker und den Dramatiker, so wie es niedergelegt ist in dem mehr oder weniger
umfassenden und empfindsamen Sprachschatz eines Volkes. Und doch genügt
schon der einfache Versuch, ein lyrisches Gedicht etwa ohne Rücksicht auf seine
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