Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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BEMERKUNGEN.

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eigentümliche Form, auf Vers und Strophe sich vorzustellen, um auf die durchaus
von der Prosa verschiedene Anwendung des gleichen Materials zu stoßen. Umge-
kehrt bleibt ein Prosastück auch dann noch Prosa, wenn es zufällig in Zeilen-
abschnitten getrennt zu Reimen oder anderen der Lyrik eigentümlichen Formen
gerät. Das empfindet jeder, und ebenso gibt es lyrische Gedichte in Rede und
Antwort, und doch, was uns im Drama entgegentritt, ist etwas ganz Verschiedenes.
Man wird im allgemeinen folgender Auffassung dieser Tatsache begegnen: zur
Lyrik zählt das verhältnismäßig kurze Gedicht, das bestrebt ist, Gefühle und Ereig-
nisse in Zuständen darzustellen, die Epik umfaßt die Kunst des Erzählens, die
Schilderung zusammenhängender, sich entwickelnder Ereignisse. Von beiden unter-
scheidet sich die Dramatik, deren Stoff in rastloser Bewegung diskutiert wird mit
der Tendenz, Geschehnisse in ihrer Wirkung zu zeigen.
Diese Auffassung legt für die Unterscheidung das Schwergewicht auf das Tempo
der Vorgänge. Man kann es sich etwa so vorstellen, daß die Lyrik den Schritt,
die Epik den gleichmäßigen Lauf, die Dramatik den Galopp mit Sprung auf das
Gefüge der Gedanken und Sätze überträgt. Indessen, bevor wir uns noch dieser
scharfen Umrisse zu freuen vermöchten, melden sich bereits die zahlreichen schein-
bar zu Unrecht vernachlässigten Gangarten, die zwischen den angeführten liegen.
Man hat ihnen Namen gegeben und ist, wie jedermann weiß, nicht allzu sparsam
damit gewesen. Mit welchem Recht vermöchte sich also die Dreiteilung als System
zu halten? Wenn die Dreiteilung systematische Bedeutung hat und diese Bedeu-
tung nachgewiesen ist, so mag demnach das Moment des Tempos in einem akzes-
sorischen Zusammenhang zum System stehen, das System selbst darzustellen vermag
es nicht. Die gesuchte konstruktive Theorie vermögen wir allein im Material zu
finden, nachdem der Gegenstand weitere Aufschlüsse nicht zu geben vermochte.
Da das Material aber in jedem Falle das gleiche bleibt, immer die eine unteil-
bare Sprache, so bleibt nur noch die Art und Weise übrig, in der die Sprache ge-
handhabt wird. Um aber von vornherein jedes Mißverständnis auszuschließen, ist
es von Wert, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß die »Art und Weise«, die
Sprache zu handhaben, nicht etwa gleichbedeutend mit der Form der Dichtung ist.
Sie stellt vielmehr den allgemeinen Stil des Kunstwerks dar, der von den Eigen-
tümlichkeiten des Materials, seinen natürlichen Qualitäten, bestimmt wird, während
die Form ganz einzig im sinnlichen Gehalt der Erscheinung ihr Recht und ihre Er-
füllung findet.
Wie ist es aber dann möglich, daß ein einziges gleichförmiges Material die
dreifachen Bedürfnisse dieses allgemeinen Stils, »der von den natürlichen Qualitäten
des Materials bestimmt wird«, in Lyrik, Epik und Dramatik erfülle? Die einzig
richtige Folgerung ist die, daß, da wir es unmöglich mit einem einzigen Material
zu tun haben, sich in der Sprache in Wahrheit ein dreifaches Material wird er-
kennen lassen müssen.
In der Tat finden wir in der Sprache drei Prinzipien vor, die sich vollkommen
lückenlos aneinanderfügen und deren jedes in seiner besonderen Kunst seine Ver-
wirklichung sucht.
Erstes Prinzip: Die Sprache ist logische Einheit in der konstruktiven Gestal-
tung eines Urteils.
Zweites Prinzip: Die Sprache ist eine Summe von verschiedenen und ver-
schieden betonten Lauten, die ihre melodisch-rhythmische Einheit darstellt.
Drittes Prinzip: Die Sprache ist Trägerin und Verkünderin der Willensmeinung,
des Urteils als moralischen Prinzips.
Diese drei Prinzipien existieren natürlich in jedem Satz. Jedes für sich aber
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