Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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III.

Die Tragödie im Lichte der Anthropogenie*
Von
Ernst Bacmeister.

I.
1. Nietzsche1) fand das Dasein und die Welt nur als ästhetisches
Phänomen gerechtfertigt. Das Ur-Eine, leidend an der Überfülle des in
ihm gedrängten Lebens, schafft sich die Traumwelt der individuellen
Erscheinungen, um in ihrem Anschaun von sich selber auszuruhn. Die
Welt weiß nicht, wozu sie dient, und hält sich für wirklich. Nur wenn
der tragische Dichter uns durch die dionysische Gewalt der Musik in
den unruhvollgedrängten Zustand des Ur-Einen hineinversetzt, und wir
dann in der gleichsam von der eigenen, erregten Phantasie erzeugten
Erscheinung des auftretenden Helden das apollinische Beruhigungs-
mittel finden: — nur in dieser selbsterlebten Wiederholung der dem
höchsten Leiden notwendigen Scheinerschaffung erfahren wir, was wir
eigentlich sind: nämlich Visionen Gottes.
Nietzsche selber hat diese »Artistenmetaphysik« seines Jugend-
werkes später nicht verteidigen wollen. Wir brauchten uns also für
die Erklärung des tragischen Erlebnisses auch nicht mehr darauf zu
berufen, wenn er nicht als für immer wesentlich und gültig daran be-
zeichnet hätte, daß sie eine moralische Ausdeutung des Daseins ver-
meide. Denn wenn wir zwar auch, von ihm am allergründlichsten
gewarnt, darauf verzichten, das Dasein metaphysisch-moralisch, näm-
lich auf ein außerweltliches Ziel hin, auszudeuten, so bleibt anderer-
seits doch die Überzeugung in uns bestehen, daß die tragische Kunst
für ihr Teil mit Moral etwas zu tun habe; ja sogar, daß gerade sie
von allen Künsten auf bloß ästhetischem Wege am wenigsten zu er-
klären sei. Und nichts hätte uns in dieser Überzeugung mehr be-
stärken können, als eben Nietzsches Versuch, die griechische Tragödie
rein ästhetisch zu begreifen.
Wir sahen dabei wohl ein helles, begrüßenswertes Licht auf die
formale Entwickelung derselben fallen. Insbesondere wurde uns die

’) Die Geburt der Tragödie.
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