Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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VIII.

Das theoretische und praktische Problem der
Farbenbenennung.
Von
Wilhelm Waetzoldt.
1. Begriffsbestimmungen.
Die häufige Verwechslung der subjektiven Farbenempfindungen
mit ihren objektiven physikalischen Ursachen einerseits, anderseits das
Fehlen der Einsicht, daß die Physiologie des Sehorganes und die
Psychologie der Gesichtsempfindungen zwar in mannigfachen Be-
ziehungen zueinander stehen, sich aber keineswegs decken, haben
nicht nur zu falschen Fragestellungen in der modernen Farbenlehre
geführt, sondern diese auch mit der Erörterung einer Reihe von Schein-
problemen belastet.
Das beste Beispiel für die auf diesem Gebiete herrschende Begriffs-
verwirrung ist der vieldeutige Gebrauch des Wortes »Farbensinn«.
Wenn von einer Geschichte, von den individuellen Unterschieden, von
der Erziehung, dem Umfang und der Bedeutung des Farbensinnes
gesprochen wird, so meint man, je nach dem physiologischen, psycho-
logischen, kunsthistorischen, biologischen Charakter der jeweiligen
Untersuchung, bald die Farbenempfindungen und die — mit ihnen
verglichen — inhaltlich nichts Neues bietenden Farbenvorstellungen,
bald das ästhetische Farbengefühl, wieder ein andermal die Farben-
beurteilung im Sinne eines Farbenunterscheidungsvermögens. Alle
diese scharf auseinanderzuhaltenden engeren Begriffe werden ja vom
allgemeinen Sprachgebrauch dem allzuweiten des »Farbensinnes« unter-
geordnet.
A. Marty*) hat zuerst eine strenge Sonderung der genannten Be-
griffe für unbedingt notwendig erklärt. Seiner Anregung folgend ver-
suchte R. Hochegger* 2) dem damaligen Stande der Psychologie ent-
sprechend die Begriffe: Farbenempfindung, Farbengefühl und Farben-
ö Die Frage nach der geschichtlichen Entwickelung des Farbensinnes, Wien
1879, S. 40 f.
2) Die geschichtliche Entwickelung des Farbensinnes, Innsbruck 1884, S. 18 f.
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