Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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Bemerkungen

Vereinigung für ästhetische Forschung.
Am 10. November 1908 ist in Berlin eine Vereinigung für ästhetische Forschung
ins Leben getreten. Dieser Begründung waren wiederholte Zusammenkünfte eines
kleineren Kreises vorhergegangen. Über die Entstehung und bisherige Tätigkeit
der Vereinigung sei hier das Wichtigste mitgeteilt.
Der Plan, die verschiedenen ästhetischen Interessen in der Form einer wissen-
schaftlichen Gesellschaft zusammenzufassen, tauchte schon im Sommer 1907 auf; die
Verwirklichung erfolgte mit dem Beginn des Jahres 1908. Die erste Sitzung fand
am 14. Januar statt, und zwar in den Räumen des kunsthistorischen Apparats der
Berliner Universität. Nachdem Herr Wölfflin die Geladenen begrüßt und Herr
Dessoir eine einleitende Erklärung gegeben hatte, sprach Herr Wulff über »Die
Aufgaben einer auf psychologischen Gesichtspunkten begründeten allgemeinen Kunst-
wissenschaft, mit besonderer Rücksicht auf die bildende Kunst«. Diese Aufgaben
liegen zum Teil weit auseinander, denn die Künste des Gesichts und diejenigen
des Gehörs, in die das Gesamtgebiet der Kunst zerfällt, wenden sich überwiegend
an verschiedene Seiten der Seele, nämlich an den Raumsinn und an den Zeitsinn.
Doch gibt es eine Reihe gemeinsamer Probleme, da in beiden Gruppen das andere
Element ergänzend hinzutritt, einerseits als Zeitablauf, an den auch die Wahrneh-
mungen des Gesichtssinnes gebunden sind, anderseits als latente Anschauung, die
auf assoziativem Wege auch in den musischen Künsten angeregt wird. Von grund-
legender Bedeutung für alles Kunstschaffen ist ferner eine durch das Prinzip des
Rhythmus (im weitesten Sinn) geregelte Reproduktionstätigkeit.
Am 12. Februar fand zunächst eine Besprechung des Wulffschen Vortrages
statt, die in der Hauptsache die Wichtigkeit der Reproduktion für das künstlerische
Schaffen betraf. Hierauf erörterte Herr Vierkandt in einem Vortrage über Fels-
zeichnungen die Anfänge des Zeichnens an der Hand von Kritzeleien südameri-
kanischer Indianer. Der Vortragende kam zu dem Ergebnis, daß das Zeichnen sich
aus solchen anfangs mehr zufälligen und spielerischen Kritzeleien durch die späteren
Stadien absichtlicher Nachahmung und sinnvoller Ausgestaltung schrittweise ent-
wickelt habe. Im Brennpunkt der Diskussion stand die Frage, ob und in welchem
Umfange sich schon auf diesen primitiven Entwicklungsstufen eine Äußerung des
künstlerischen Triebes erkennen lasse.
Der 20. Mai brachte einen von Lichtbildern begleiteten Vortrag des Herrn
Hamann über »Das Plastische im Gewand«. Ausgehend von einer — den Lesern
dieser Zeitschrift bekannten — Begriffsbestimmung der spezifisch plastischen Ein-
drücke unterschied der Vortragende zweierlei Wirkungen, die das Gewand als etwas
an sich Unplastisches in Verbindung mit der menschlichen Gestalt erzeugt. Als
umhüllende Zutat dient es im Sinne einer »Organisation der Form von außen« der
Steigerung geschlossener (kubischer) Formvorstellungen; im Sinne einer »Organi-
sation von innen« kann es gleichsam stellvertretend den Ausdruck der besonderen
Bewegung und Spannung des Körpers übernehmen. — Herr Dessoir suchte hierauf r
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