Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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BESPRECHUNGEN.

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schärfe der Bilder stetig und folgerichtig sich die Eroberung eines längst geahnten,
aber noch nicht in seine Rechte eingeführten Gesetzes vorbereitet, eines Gesetzes,
dessen Befolgung und bewußte Durchführung als illusionsfördernder Faktor für die
Zukunft nicht minder wichtig werden dürfte, als es dereinst, zur Zeit der Renais-
sance, die Entdeckung der Perspektive gewesen ist.

Besprechungen.

Emil Utitz, J. j. Wilhelm Heinse und die Ästhetik zur Zeit der deut-
schen Aufklärung. Eine problemgeschichtliche Studie. Halle a. S. Verlag
von Max Niemeyer, 1906, 96 S., 8°.
Für den Historiker werden Übergangserscheinungen stets ein besonderes Inter-
esse haben, da es eine seiner Aufgaben ist, das Ȇbergehen* einer Lebensform in
die andere, einer Geistesrichtung in die andere, nicht nur als ein Gewordenes, son-
dern als ein Werdendes, als einen Prozeß zu erfassen. Individuen, in denen die
für eine vorhergehende Zeit entscheidenden Tendenzen noch mächtig sind, während
sie sich — oft vergeblich — bemühen, eine mehr dumpf empfundene als bewußt
erfaßte neue Bestrebung aus sich herauszustellen und ihr in Äußerungen Dauer zu
verleihen, geben bessere Gelegenheit, diesen Prozeß zu verfolgen, als die ganz
Großen, deren Größe zum Teil in der Tendenz ihrer Organisation liegt, Durch-
gangsstadien, bei denen die Geringeren sich lebenslang aufhalten, in beschleunigtem
Tempo zu durchlaufen und sie so der Beobachtung zu entziehen.
Wilhelm Heinse ist in der Geschichte der Ästhetik des 18. Jahrhunderts eine
solche Übergangserscheinung. In seinen Anschauungen nimmt er teil an »Sturm
und Drang«-Bestrebungen, und doch ist er dem »Sturm und Drang« nicht einfach
zuzurechnen. Seine Entwickelung geht zum Teil in der Richtung auf den Klassi-
zismus zu, aber er tritt nie ganz in den Goethe-Schillerschen Gedankenkreis ein.
Die Romantiker haben späterhin für ihn Interesse gefaßt, weil sie bei ihm, wie beim
»Sturm und Drang«, aus ganz anderen seelischen Quellen herstammende Kunst-
urteile ihrer eigenen Richtung vorausgenommen fanden. Und doch hat der Ver-
fasser des vorliegenden Buches recht, ihn in starken Gegensatz zur Romantik zu
stellen, der sein erdennahes, aller transzendentalen Richtung abholdes Wesen kein
Verständnis entgegengebracht hätte. Sein Kampf ist: daß sein Kunsturteil und
natürlicher Kunstgeschmack auf einem ganz unbefangenen Instinkt beruhen, der an
der Systemneigung seiner Zeit keinen Teil hat, daß aber, wo er sich Klarheit
schaffen will, sein Denken durch einen von Empirie gemilderten Rationalismus be-
einflußt wird und daß nun sein ungewöhnlich sinnliches, alles Leben unmittelbar
ergreifendes, aber eng begrenztes Naturell innerhalb der Grenzen, die ihm sein
Denken zieht, sich nicht wohl fühlen kann. In den Kämpfen, die sich aus dieser
Konstellation ergaben, hat sich ihm vieles zerreiben müssen, aber gerade dieser
Kampf hat auch manche ästhetischen Äußerungen hervorgebracht, die uns als heute
noch lebendige Werte erscheinen. Er ist ein Beispiel für die Zentrifugalkraft herr-
schender Gedankenrichtungen im 18. Jahrhundert. — Außer seiner historisch inter-
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