Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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II.

Das Problem der ästhetischen Autonomie.
Von
Lenore Kühn.
I.
1. Einleitung.
»Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsiebt,
was sie nach ihrem Entwurf hervorbringt.«
(Kr. d. r. Vernunft.)
Eine ästhetische Untersuchung, die im Sinne der Transzendental-
philosophie ihre Probleme behandeln will, wird sich vor allem in den
Zusammenhang der Einsichten stellen, die auf dem Gebiet der Er-
kenntnistheorie und der Ethik bereits erarbeitet worden sind. Nur so
kann die Ästhetik von einer fortgeschritteneren Wertwissenschaft sich
ihren Weg erleuchten lassen; nur so kann auch sie in ihrer Eigen-
tümlichkeit Licht auf vielleicht noch ungeklärte Probleme der beiden
anderen großen Wertgebiete werfen. Auch kann sich nur in einer
solchen vergleichenden Prüfung der letzte Zusammenhang der Wert-
wissenschaften zeigen.
Die Philosophie überhaupt, als kritische Wertwissenschaft, handelt
von den Werten, die überindividuelle Geltung beanspruchen. Die
Methode dieser Transzendentalphilosophie sei hier vorläufig charakte-
risiert durch den Hinweis auf die einschneidende Neuerung, die Kant
in die Methode der Philosophie brachte, und die er mit der Tat des
Kopernikus vergleicht:). Dieses kopernikanische Moment der Trans-
zendentalphilosophie wird in Bezug auf das theoretische Gebiet in
dem Gedanken ausgedrückt, daß sich nicht die Erkenntnis nach den
Gegenständen, sondern die Gegenstände nach der Erkenntnis richten
müssen, da nur unter dieser Voraussetzung a priori etwas erkannt
werden könne. Der Erkenntnis, d. h. dem überindividuellen Moment
derselben, den apriorischen Formen* 2) wird also eine bestimmende Rolle
zugesprochen, im Gegensatz zu der bloßen Bestimmbarkeit, welche
ihr die frühere Erkenntnistheorie gegenüber den bestimmenden meta-
’) Kant, Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach). Leipzig, Reclam. 2. Aufl., S. 17,18.
2) Vgl. ebenda S. 243 (Materie und Form, Bestimmbares und Bestimmung).
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