Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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V.
Die Theorie des Romans
als die Poesie der Poesie in der Frühromantik.
Von
Frieda Margolin.
Meine Aufgabe ist, die Theorie der bewußten Ideendichtung, die
in dem Roman ihren Gipfel erreicht, in der Frühromantik darzustellen1).
Indem ich mir der Schwierigkeit dieses Problems, welches den
Mittelpunkt der romantischen Weltanschauung bildet, wohl bewußt
bin, würde ich mich freuen, auch nur zur geschichtlichen Orientierung
in dieser Frage beitragen zu können.
In der Darlegung dieser Theorie habe ich zwei Begriffe im Auge
gehabt: Ethik im weiteren Sinne, als die Summe aller ideellen Werte,
und Geschichte; denn die Theorie der romantischen Dichtung ist
meines Erachtens die romantische Geschichtsphilosophie.
Die Frühromantiker sahen nicht, wie etwa Herder, der nach Haym 2)
ihnen die Theorie des Romans vorweggenommen hatte, im Roman
eine Darstellungsform, welche alles Mögliche in sich aufnehmen und
alle Gattungen und Arten der Poesie umfassen kann; es handelt sich
bei ihnen vielmehr im Roman um die ideelle Auffassung der Wirklich-
keit und um die aus diesem Inhalte folgende Mischung aller Formen
des Stils. Aus diesem Inhalte folgt auch die humoristische Form, die
zwischen den ideellen Werten und ihrer stofflichen Verkörperung ein
Gleichgewicht herstellt. Die Ironie eines Friedrich Schlegel, nicht
minder wie die eines Novalis, hat wenig mit dem Witz eines Brentano
oder der Selbstparodie Heines zu tun.
Ich identifiziere die romantische Poesie mit dem Roman schon des-
wegen, weil die Romantiker die Forderungen, die an die romantische
Poesie gestellt werden, auch dem Roman gegenüber geltend machen,
aber der Roman ist zugleich der Gipfel der romantischen Poesie, denn

J) Diese Arbeit bildet nur ein Kapitel einer größeren Arbeit »Die Theorie des
Romans in der Frühromantik«.
2) Siehe Haym, Herder Bd. II, S. 634 und »Die romantische Schule« von Haym
S. 198 und 379.
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