Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

Page: 533
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1909/0537
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES KUNSTSCHAFFENS.

533

bis zum heutigen Tage eine überraschende Uneinigkeit, und nur mit
Hilfe weitgreifender historisch vergleichender Untersuchungen gelingt
es, aus diesem Wirrsal drei Grundtypen von Lehren über den
Kern des künstlerischen Produzierens herauszuheben und deutlich zu
formulieren. Wir wollen diese Grundtypen durch die Schlagworte
Intuitionstheorie, Phantasietheorie und Theorie der logischen Funktion
festhalten und zunächst rein berichtend zur Darstellung bringen.
2.
Die Anhänger der Intuitionstheorie in ihrer älteren Form verlegen
das Wesen des Kunstschaffens in einen abnormen Zustand mystischen
Schauens, an das sich die sinnfällige Fixierung der erlebten Bilder
fast unvermittelt anknüpft. Der Künstler schafft wie im Traume und
unter tiefer, dem Wahnsinn vergleichbarer Erregung. Unbewußt und
unfreiwillig gestalten sich in ihm die schönen Bilder, Tonfolgen, Ge-
danken zu Werken mit innerer Vollkommenheit. Weder die planmäßig
arbeitende Phantasie noch das klare diskursive Denken haben wesent-
lichen Anteil an diesen Akten. Was sich jener geistigen Anschauung,
der Intuition, darbietet, kann nicht durch fleißiges Suchen und Prüfen
gefunden, sondern nur im Wege unmittelbarer Eingebung, der Inspi-
ration, zum geistigen Besitz werden. Der wunderbare Charakter
dieser Eingebung berechtigt uns, sie als eine gleichsam göttliche zu
bezeichnen, und es ist mehr als eine rhetorische Verzierung, wenn
die Dichter und bildenden Künstler zu Beginn ihrer Tätigkeit die
Musen zum Beistand anrufen. Die Stimmung des Alltags und die
Helligkeit der berechnenden Vernunft dagegen müssen unerbittlich
jenen ekstatischen Rausch, aus dem das Kunstwerk geboren wird,
zerstören.
Die hiermit angedeutete Lehre vom Kunstschaffen kann sich auf
gewichtige Zeugnisse berufen. Plato, Philosoph und Künstler in einem,
schildert uns im Dialog Jon die schöpferische Tätigkeit des Lyrikers
und Dramatikers mit folgenden Worten:
»Alle guten Dichter von Heldengesängen schaffen nicht durch
Kunst, sondern als Begeisterte und Besessene ihre schönen Gedichte,
und ebenso die guten Liederdichter; denn wie die von korybantischer
Wut Befallenen nicht bei Besinnung tanzen, so verfassen auch die
Liederdichter nicht bei klarem Verstand diese schönen Lieder . . .
Der Dichter ist ein leichtes, beflügeltes und heiliges Wesen, und
nicht eher im stände zu dichten, als bis er begeistert und von Sinnen
ist und die Vernunft nicht mehr in ihm weilt; solange aber ein
Mensch noch im Besitz der Vernunft ist, mangelt ihm die Fähigkeit zu
loading ...