Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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ZUR THEORIE DER ÄSTHETISCHEN GEFÜHLE.

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unser Gefühlsleben, wirken lassen und bei dieser Wirkung verweilen.
Und die Gefühle, die eine solche Betrachtung in uns auslöst, sind
nun eben ästhetische Gefühle.
Aus der eigenen Natur des ästhetischen Verhaltens wird ersichtlich,
wie verkehrt die Rede von dem ausschließlichen Lustcharakter der
ästhetischen Betrachtung ist. Wir dürfen davon absehen, ob die Er-
scheinungen uns vorwiegend lustvoll oder vorwiegend unlustvoll be-
rühren, denn unser Verhalten ihnen gegenüber ist ästhetisch, sobald
wir sie nur als solche in ihrer Reinheit betrachten und bei ihrem Ge-
fühlseindruck stehen bleiben. Ferner hat sich gezeigt, daß diese Auf-
fassung vom Wesen des ästhetischen Verhaltens und von der Natur
und Stellung der ästhetischen Gefühle im stände ist, die Interesse-
losigkeit, Unmittelbarkeit, Stofflosigkeit der ästhetischen Gefühle und
manche andere mit den ästhetischen Gefühlen im Zusammenhang
stehende Probleme leicht und natürlich zu erklären. Somit erweist
sich diese Auffassung in ihren Konsequenzen als fruchtbar. Die
Fruchtbarkeit indessen ist der letzte und entscheidende Beweis für die
Richtigkeit einer Theorie. Denn daß eine Ansicht »richtig« ist, was
kann es im Grunde anderes bedeuten, als daß sie sich bewährt, im
stände ist, Dunkles klar und bisher Unverstandenes begreiflich zu
machen?
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