Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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XII.

Teleologie der Kunst.

Von

Johannes Volkelt.

1. Die Nachahmungstheorie.

"ö"

Schon durch die geschichtliche Entwicklung, die die Ansichten
über Zweck und Sinn der künstlerischen Tätigkeit genommen haben,
drängt sich zuallernächst die Frage auf, ob die Kunst in der Nach-
ahmung des Wirklichen bestehe. Plato schon hat das Wesen der
Kunst in nachahmender Tätigkeit gesehen. Und wenn Aristoteles
auch in den Begriff der Nachahmung etwas darüber Hinausgehendes,
nämlich ein gewisses Idealisieren, hineingedacht hat, so ist er aus-
drücklich doch bei dem Nachahmungsbegriff stehen geblieben, ohne
ihn gemäß dem stillschweigend hineingedachten tieferen Gesichtspunkt
umzugestalten. Seitdem ist das Prinzip der Nachahmung immer und
immer wieder in der Ästhetik zur Erklärung der Kunst herangezogen
worden. Bodmer und Breitinger bekennen sich zu diesem Grundsatz
nicht weniger als Gottsched. Batteux und Diderot sind seine einfluß-
reichen Verkünder, wenn freilich auch jeder in einem besonderen
Sinne. Aber auch Mendelssohn und der junge Lessing kommen von
dem Nachahmungsprinzip nicht los. Selbst noch in der allerjüngsten
Zeit hat es durch die naturalistische Strömung in den Augen Unzäh-
liger eine über allen Zweifel erhabene Bestätigung erhalten. Ja erst
in der naturalistischen Ästhetik wird mit dem Nachahmungsprinzip
voller und folgerichtiger Ernst gemacht. Hier wird nicht wie von
Aristoteles oder von Johann Elias Schlegel1) oder von Batteux2) in

') Über J. E. Schlegel lese man Friedrich Braitmaier, Geschichte der poetischen
Theorie und Kritik von den Diskursen der Maler bis auf Lessing (Frauenfeld 1888)
Bd. 1, S. 264 ff. Dieses Werk enthält viel zur geschichtlichen Entwicklung des Nach-
ahmungsprinzips. Man vergleiche auch den Aufsatz von Ernst Bergmann, Die
antike Nachahmungstheorie in der deutschen Ästhetik des 18. Jahrhunderts (Neue
Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur, 27. Bd.
[1911], S. 120 ff.).

2) Man vergleiche Manfred Schenker, Charles Batteux und seine Nachahmungs-
theorie in Deutschland. Leipzig 1909, S. 13, 20 ff.

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