Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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II-

Neuheit und Wiederholung im ästhetischen

Genießen.

Von

Richard Müller-Freienfels.

1.

In der modernen Psychologie hat sich seit einiger Zeit, wenig
merklich zunächst, aber allmählich klarer hervortretend, eine Wand-
lung vollzogen. Kam es früher darauf an, die Hauptfaktoren des
Seelenlebens, die Empfindungen, Gefühle, Urteilsakte usw. möglichst
klar in ihrer Besonderheit herauszuarbeiten und voneinander abzu-
grenzen, so geht neuerdings vielfach das Interesse wiederum dahin,
innerhalb dieser Hauptgruppen die Fülle der Mannigfaltigkeiten und
die Übergangsformen zu erkennen. Glich bisher das Verfahren dem
eines Malers, der zunächst die Fläche einteilt, die großen Linien und
großen Farbflächen aufträgt, so hat jetzt die Zeit begonnen, wo man
die kleinen Schattierungen und Nuancen beobachtet, die man vorher
bewußt beiseite ließ und die in ihrer Gesamtheit doch erst das wirk-
liche lebenstreue Bild ergeben.

So hat z. B. die neuere Psychologie der Denkfunktionen neben
die früher fast allein anerkannte Urteilsfunktion eine schier unabseh-
bare Reihe feinerer Nuancen und Komplikationen der intellektuellen
Tätigkeit gesetzt. Wer nur einigermaßen die Entwicklung der Psycho-
logie seit etwa 1900 verfolgt, wird das wissen. Ähnlich ist es auf dem
Gebiet der Gefühle.

Früher ließ man als Gefühle nur die der Lust und Unlust gelten.
Indessen ist es auf die Dauer nicht möglich gewesen, eine ganze
Reihe von anderen Seelenzuständen, die ohne Zweifel den Gefühlen
sehr nahestehen, als Zusammensetzungen jener beiden Grundrichtungen
des Gefühls zu erweisen oder sie beiseite zu lassen. Es ist ja sehr
schwer eine klare Definition des Gefühlsbegriffs zu gewinnen, weil,
wie überhaupt in der Psychologie, die Grenzen der Funktionen fließende
sind. Es ist besonders die Grenze zwischen dem Gefühl und den
kinästhetischen Empfindungen einerseits und gewissen Urteilsformen
anderseits außerordentlich vage. Wie man aber auch immer die Ge-
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