Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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180 AUSSPRACHE. SCHLUSSWORT.

des Künstlers ist aber, daß er unser psychisches Erbgut berücksichtigt
und dem Unbewußten — ohne es zum Bewußtsein vordringen zu
lassen — Befriedigung und Befreiung bietet.

Aber auch das Entgegengesetzte findet statt: der Künstler findet
das Neue, er weist den Weg zu noch nicht betretenen Welt- und
Seelenregionen. Nur in diesem »neues Sehen lehren« besteht der Unter-
schied zwischen Kunst und Kitsch. Aus dieser Vereinigung der Gegen-
sätze folgt: Das Neueste ist das Älteste. Mit Hilfe des Neuen, das uns
der Künstler zeigt, können wir uns das Erbe, das wir besitzen, erst
aneignen und genießen.

Aussprache.

E. R. Jaensch:
Prinzhorns Werk und Vortrag ist auch für die Psychologie von außer-
ordentlichem Interesse. — Weitgehende Klärung kann die Kunstleistung der
Schizophrenen durch die Erforschung der normalen Typen und Grenzfälle erfahren.
Mit diesen ist ein genaues Arbeiten möglich, im Gegensatz wohl zu den meisten
Schizophrenen im klinischen Sinne. Jaensch glaubt einen »schizoformen Typ« ge-
funden zu haben, der enge Zusammenhänge mit gewissen Formen der Schizophrenie
zeigt. Man stößt auf ihn bei Untersuchung der Synästhesien, von denen Jaensch
auf Grund seines Materials drei Formen, nämlich Gefühls-, Vorstellungs-, Emp-
findungssynästhesie unterscheidet. Die Bildlichkeit und Symbolik, die das seelische
Leben der ausgeprägten »Synästhetiker« beherrscht, besteht in »komplexen Syn-
ästhesien«. Unverständliche, schizophren anmutende Gedankengänge und Urteile
kommen hier in genau aufzeigbarer Weise dadurch zustande, daß die Zusammen-
hänge und inneren Beziehungen der Symbole auch für die Verknüpfung der da-
durch symbolisierten Begriffe maßgebend sind (Jaensch gibt ein Beispiel). Diese
Gedankenverknüpfung der Synästhetiker auf Grund der Symbolik gilt darum im all-
gemeinen nur für das Individuum selbst, ist also, wie das schizophrene Denken,
»autistisch«; gleichwohl läßt sich innerhalb des Kreises dieser Synästhetiker eine
gewisse und sogar ziemlich weitgehende Allgemeingültigkeit ihres symbolbedingten
Denkens nachweisen. Die Feststellung eines solchen »schizoformen <; Typus bedeutet
keine Abwertung. Im Gegenteil können unter Umständen sogar hochwertige Leistungen
auf dem Vorhandensein dieses Typus beruhen (Jaensch gibt dafür ein Beispiel). Auch
mit den Leistungen der Kinder haben diese Feststellungen zu tun, da unter ihnen
die Synästhetiker zahlreich vertreten sind. Unter Anthroposophen kann man »Ge-
fühlssynästhetiker« feststellen.

Schlußwort.
Hans Prinzhorn: Prinzhorn hat seinem Referat nichts Wesentliches hinzuzufügen.
Kronfeld gab einen Querschnitt in anderer Form zum Thema. Gesemann führte
auf die interessante Frage hin, ob ein Unterschied zwischen bildnerischer und lite-
rarischer Tendenz besteht. Referent weist auf den Fall Pohl in seinem Werke über
die »Bildnerei der Geisteskranken« hin, bei dem die Sprache zuerst zerbrach, wäh-
rend das zeichnerische Ausdrucksinstrument nicht nur erhalten blieb, sondern sich
durch fast 20 Jahre vervollkommnete. Für eine grundsätzliche Erörterung der Frage
fehlt es noch an gut untersuchtem Material. Auf Sachs' Ausführungen einzugehen,
würde zu weit führen. Die von Jaensch vorgenommene Trennung von Schizo-
phren und Schizoform ist Prinzhorn fraglich.
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