Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 2.1884

Seite: 30
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nördlichen Gegenden, wo der germanische
und keltische Ritus diese Art der Todten-
bestattung verlangte, immer mehr sich ein-
bürgerte. In den Katakomben fand man
die meisten Särge in den Arkosolien, den
rnndbogigen Nischen, über denen die lu-
minaria, die Oeffnungen für Licht und
Lust, angebracht waren. Später wurden
sie in den kleinen Chorabsiden, die in den
ersten christlichen Kirchen über den Krypten
der Märtyrer sich befinden, ausgestellt
oder auch aus den Kirchhöfen beigesetzt.
Diese Särge enthalten oft zwei, drei oder
auch vier Abtheilungen für je eine Leiche.
Natürlich sind nicht alle Särge mit künst-
lerischem Schmuck versehen, in den Cö-
meterien von Trier sogar die meisten ohne
denselben.

Derselbe besteht in Haut- und Bas-
reliesdarstellungen, die gewöhnlich ohne
Unterbrechung, oder von kleinen Säulen-
stellnngen eingefaßt, in einer Reihe, bei
großen in zwei Reihen, die Höhen der
Seiten bedecken. Ihren Inhalt bilden
Szenen aus dem Neuen Testament, zu
denen sich solche aus dem Alten Testamente
als vorbildliche Typen des Lebens und der
Person Christi anschließen.

Ans dem Alten Testamente werden häufig
Szenen aus der Schöpfungsgeschichte dar-
gestellt, so die Erschaffung des Adam, Adam
und Eva unter dem Baume, auch die Er-
rettung Nocks, die Geschichte des Jonas,
der ein Vorbild für den Tod und die Auf-
erstehung Jesu ist. Sodann kommen vor
allen vor: Moses, der die Gesetzestafeln and
der Hand Gottes erhält, oder das Wasser aus
dem Felsen schlägt, ferner die Errettung
des israelitischen Volkes durch den Unter-
gang Pharaos, das Opfer Isaaks, Daniel
in der Löwengrube, dieser besonders häufig,
und zwar stets als nackter Jüngling zwischen
zwei Löwen stehend.

Ans dem Neuen Testament sind die
Wunder Jesu ein gewöhnlicher Darstellnngs-
gegenstand, so die Heilung des Blinden,
des kranken Weibes, des Gichtbrüchigen,
der mit dem Bette von dannen geht, be-
sonders häufig die Erweckung des Lazarus,
sodann auch das Wunder zu Kana itub
jenes der Brotvermehrung. Auffällig ist
es, daß außer dem sich die Hände waschenden
Pilatus und Petrus, mit dem ihn zur Buße
mahnenden Hahn neben sich, Szenen aus

der Leidensgeschichte Jesu fast gänzlich
fehlen. Sonst sehen wir aus seinem Leben
besonders gern die hl. drei Könige dar-
gestellt, welche mit phrygischen Mützen auf
dem Haupte, die Geschenke in den Händen,
soeben eilenden Fußes ankommen.

Vor allen beliebt erscheint aber die
Darstellung Jesu als des geliebten „Herrn
und Meisters" in Mitte seiner Apostel
und Jünger. Er selbst nimmt eine er-
höhte Stellung in der Mitte des Feldes
ein. Jene stehen zu sechs, oder selbst zu
zwölf, in diesem Falle auch die Kurz- und
Rückseite des Sarkophags ausfüllend, rechts
und links neben ihm. Diejenigen, welchen
er sein Gesicht zuwendet, wenden sich eben-
falls, sämmtlich mit aufgehobener Rechten,
ihm zu, während die auf der andern Seite,
von denen je einer die Rechte erhebt und
der andere sie auf eine Schristrolle legt,
mehr nach vorn aus der Fläche herausschauen.
Nach der Deutung Schnaascks will der
Künstler unter den erstern jene Jünger,
die hienieden sein Antlitz geschaut, unter
den letztern deren Nachfolger, die nach
seinem Hingange den Völkern das Evange-
lium brachten, bezeichnen.

Zu bemerken ist, daß diese Darstellungen
aus der hl. Schrift auf jenen Särgen
gegenüber den Malereien in den Kata-
komben um manche vermehrt sind. Zu
diesen gehören aus dem Alten Testament:
Moses, das Gesetz empfangend, der ver-
suchte Abfall der Israeliten von Moses
vor dem Wunder des Felsenquells (eine An-
spielung auf die Gefangennehmnng Christi),
Job; aus dem Neuen Bunde: die Tochter
des Jairus, Anbetung der Hirten, Segnung
der Kinder, der Hauptmann von Kaphar-
nanm, der Einzug in Jerusalem, die Aus-
treibung der Tempelschänder, Gefangen-
nehmung, Verleugnung Petri, Christus vor
den Hohenpriestern und Pilatus, Pilatus
die Hände waschend, Christus mit den zwei
Jüngern in Emmaus, derselbe als Gründer
der neuen Religion inmitten der vier Para-
diesesflüsse. Dagegen vermissen wir aus
den Särgen die Darstellungen: Moses vor
dem feurigen Dornenbusch die Sandalen
lösend, sowie das Bild des Orpheus, die
klugen Jungfrauen und die hl. drei Weisen
bei Herodes. Siehe F. O Kraus: Die

chr. Kunst in den frühesten Anfängen 116.
Derselbe erklärt: „Ein Theil dieser Bilder
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