Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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(früher auch noch mit krönendem Kruzifix)
an 15 Fuß. In 8 Windungen umziehen
den Schaft Reliefbilder ans dem Leben
Jesu bis zum Einzug in Jerusalem, die
nach dem Muster ihres Vorbildes, der
Trajansfänle in Rom und im Gegensatz
zu der fignrenarmen Domthür die Scenen
in gedrängten lebensvollen Gruppen vor-
führen. Noch manche, besonders in Nord-
deutschland, sich vorfindenden Werke weisen
auf den schon im 11. Jahrhundert fleißig
geübten Erzgnß hin. So die leuchter-
tragende männliche Statue in herber Zeich-
nung im Dome zu Erfurt und der von
4 knieenden, männlichen Figuren getragene
Altarkasten im Dome zu Goslar. Der
prächtige siebenarmige Leuchter mit seinen
höchst stilvollen Verzierungen in der Abtei-
kirche zu Essen und die 2 großen Kron-
leuchter im Dome zu Hildesheim aus der
Spätzeit des 11. Jahrhunderts sprechen
unter andern für die schon damals hoch-
entwickelte dekorative Kunst des romanischen
Stils.

Im 12. Jahrhundert gewinnt die Gieß-
knnst einen erhöhten Aufschwung. Beson-
ders gelangten die Grabsteine zu immer
größerer plastischer Bedeutung. Anfäng-
lich erhielten sie nur ein eingravirtes Kreuz,
bald aber ganze Figuren in eingeritzten
Linien oder Flachreliefs. Bekannt ans der
sächsischen Gegend sind: die Grabplatte
Rndvlph's von Schwaben im Dom zu
Merseburg ans der Zeit von etwa 1100,
eine in der Liebfrauenkirche zu Halberstadt
und jene des Erzbischofs Friedrich I. zu
Magdeburg, ein kräftiges Hochrelief mit
fließender Gewandung. — Werthvoll ist
das Taufbecken in St. Barthelemy zu
Lüttich vom Anfänge des 12. Jahrhunderts
von Lambert Patras von Dinant (die
Erzgießer nach der Schule des Meisters
von Dinant Dinandiers genannt in Frank-
reich). Der Bauch des ans 12 Stieren
(Apostel) ruhenden Beckens ist mit Tanf-
scenen des hl. Johannes Baptista und des
Hauptmanns Cornelius re. geschmückt, welche
einen bedeutenden Fortschritt in Technik
ltnb Stil bekunden. Auch das Taufbecken
im Dome zu Osnabrück zeigt schöne an-
tikisirende Reliefs. Das berühmteste ist
jenes im Hildesheimer Dom. Vier knieende
Männer mit Urnen, die vier Paradieses-
flüsse, tragen das chlindrische Gefäß, mit

dem kegelförmigen Deckel sechs Fuß hoch,
ans der Schulter. Das Becken mit flachem
Boden, fast breiter als hoch, zeigt im kräf-
tig heranstretenden, die Flächen sehr be-
lebenden Relief zwischen romanischen Säu-
len mit Triforien-Bögen dominirend das
Bild der Madonna mit dem verehrenden
Stifter, die Taufe Christi, den Zug Jo-
sna's durch den Jordan, das rothe Meer,
dazwischen in Medaillons die Evangelisten,
großen Propheten und vier symbolische Fi-
guren (Kardinaltngenden), aus dem Deckel
Werke der Barmherzigkeit, Magdalena zu
den Füßen Jesu k. , alles in technisch
vollendetem Guß, scharfer Zeichnung, noch
im strengen romanischen Stil (Anfang des
13. Jahrh.). — Zum Schlüsse erwähnen
wir noch ans der Zahl der immer reicher
werdenden Kronleuchter, die das himmlische
Jerusalem bedeuten, den mit phantasievol-
lem Rankengewinde dekorirten in der Stifts-
kirche zu Comburg, der mit jenem im
Dome zu Aachen, gestiftet von Friedrich I.
im Jahre 1165, an ornamentaler Pracht
und Schönheit wetteifert.

Airchenuhren.

ii.

Jedem Sachverständigen in moderner Uhren-
macherknnst ist wohl bekannt, daß unter den
Vertretern der Großuhrenfabrikation schon seit
längerer Zeit die Firma Ungerer Fror es
in Straßburg int Elsaß oben an steht. Sie
wurde 1828 von dem berühmten I. B.
Schwilguö ins Leben gerufen, als er die seit
der Mitte des XVI. Jahrhunderts als Welt-
wunder betrachtete Münsteruhr (erbaut von
Isaak, Abraham und Josias Habrecht 1547
bis 1574) restaurirte oder vielmehr unter viel-
fachen Verbesserungen und genialen Verein-
fachungen neu erbaute. Nun liegt ein Verzeich-
niß von mehr als 2000 Städten und Dörfern
in allen Ländern vor uns, wohin Schwilgno's
Nachfolger, die Gebrüder Ungerer, Uhren-
werke geliefert haben, hauptsächlich für Kirchen,
aber and) für Schulen, Bahnhöfe, Kasernen :c.
Zahlreiche Anerkennungsschreiben und Aus-
zeichnungen aller Art beweisen, daß diese Fir-
ma, deren Ruf bis in die entlegensten Gegenden
von Asien, Australien, Nord- und Südamerika
sich ausgedehnt hat, höchste Empfehlung ver-
dient. Wir erwähnen hier nur einige Orte
in Württemberg, wo sich Thnrmuhren von
Ungerer sinden, um unseren Landsleuten Ge-
legenheit zu geben, sich durch eigene An-
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