Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 12.1894

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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger DiözesanMereins für christliche Kunst.

Heransgegeben und redigirt von Professor Dr. Reppler tu Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Annstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Er. 9.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für Jt 2.05 durch die württembergischen (J6 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), Ji. 2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstratze 94, zunr
Preise von Ji 2.05 halbjährlich.

1894.

Der angebliche Ravensburger Bild-
schnitzer Friedrich schramm.

Von Max Bach in Stuttgart.

(Schluß.)

Wer mit den mittelalterlichen Legenden
ans Kunstwerken einigermaßen bekannt ist,
wird sofort sehen, daß der Wortlaut dieser
Inschrift unmöglich korrekt sein kann. Es hat
keinen Sinn zu sagen eine Tafel sei ge-
schnitten, und and) abgesehen davon trägt
die ganze Inschrift so sehr ben Stempel
des Gemachten, Gefälschten an sich, daß
darüber kein Zweifel fein kann. Aus der
ganzen Kunstgeschichte ist mir kein Bei-
spiel bekannt, wo Bildschnitzer und Maler
zugleich auf einem Altarschrein genannt
werden So hat sich z. B. die bekannte
Inschrift ans dem Altar aus Münster,
bei Augsburg, wo die beiden Künstler
Schühlein und Zeitblom genannt werden,
als gefälscht erwiesen. Was nun den
Maler Christoph Keltenofen anbelangt,
so kommt allerdings ein solcher im Jahre
3 506 in den Ravensburger Bürgerlisten
vor als ans Augsburg gebürtig, ferner
1506 und 1515 ein Meister Friedrich,
Bildhauer; der Name Schramm erscheint
im evangelischen Tanfregister erst 1566,
hat also gar keine Beziehung zu dem an-
geblichen Bildhauer. Man sieht auch hier,
wie man aus einzelnen urkundlichen Auf-
zeichnungen einfach Namen schuf und Kom-
binationen machte, ohne daraus zu achten,
ob sie auch in den Rahmen der Zeit paßten.
Aehnlich verhält es sich mit dem Maler
Peter Tagbrecht, welchem zwei Tafeln in
der Stuttgarter Gallerie und andere Bil-
der zugeschrieben werden; man fand in den
Rathsprotvkollen vom Jahr 1471 und
1478 zwei Ansgabeposten über Ausfüh-
rung untergeordneter Arbeiten für die
Stadt und war gleich bereit, diesen Faß-
maler znm bedeutenden Künstler zu stempeln.

Nach einer andern Quelle*) malten zu
Anfang des 14. Jahrhunderts die Maler
Holbein und Tagpreht (sic) den Kreuz-
gang im Karmeliterkloster „mit vill schön
Figuren ans der Bibel". Anffallender-
weise weiß davon der neueste Geschichts-
schreiber Hafner nichts, auch in dessen Zu-
sammenstellung von Ravensburger Künst-
lern kommen diese Namen nicht vor?)

Wie kommt nun aber Hirscher dazu,
seine Madonna als von einem Bildhauer
Schramm herrührend zu bezeichnen? Ant-
wort: man hat ihm diesen Bären anfge-

D Korrspondenzblalt des Gesammtvereins
1856, S. 94 ff. Nach netteren Forschungen
stammen diese Fresken erst ans dem 15. Jahr-
hundert, der Ban des Klosters begann überhaupt
erst, wie Vochezer im „Diözesanarchiv" urkundlich
nachgewiesen hat, nach 1390; von einer schon zu
i Anfang des 14. Jahrhunderts bestehenden Künst-
i lerfamilie „Holbein" und „Tagbret", wohl rich-
tiger Tagbrecht, wissen die neueren Chronisten
Ravensburgs nichts zit berichten. Die Holbeine
waren bekanntlich im 14. Jahrhundert Besitzer
verschiedener Papiermühlen in Ravensburg ,mtd
eines Malers Peter Tagbrecht wird in öffent-
lichen Urkunden nur ztveimal Erwähnung gethan
und ztvar 1471 und 1478, doch kommt der
Name in Ravensburg noch bis 1550, aber ohne
Bezeichnung als Maler vor. Aus den vott
Hafner (Württ. Vierteljahreshefte XII, S. 121)'
mitgetheilten Notizen geht übrigens durchaus
noch nicht hervor, ob dieser Tagbrecht Kunst-
maler im höheren Sinn war und die Zuweisung
von Altargemälden in der ehemaligen Abel'schen
Sammlung ist eine reine willkürliche. Diese
Tafeln stammen ohne Zweifel auch aus der
Herrich'schen Sammlung. Vergl. II. Bericht d.
Verh. d. Ulmer Alterth.-Vereins 1844, S. 30.
Von einer Ravensbnrger Kunstschule kann somit
vorerst noch nicht die Rede sein; man kennt
ztvar einige Namen aber keine Werke, und alles,
tvas man bisher mit den hochklingenden Namen
Holbein u. s. w. bezeichnen wollte, ist reine Er-
findung, einer Zeit entsprossen, wo die Kunst-
geschichte noch in der Wiege lag und mit der
Taufe von Gemälden ein Mißbrauch getrieben
wurde, ivelcheu die neuere Kritik und Forschuug
entschieden zurückweisen muß.

0 Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 1889
Seite 121.
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