Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 14.1896

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2) Phil. 2, 6.

s) Val. Wisemcm, Abhaildlnnqen, Reqeils-
burg 1854. III. 311.

„Grosz wie das Meer ist Deine Betrüb-
niß." Gleicht somit sein Schmerz dem Meere,
so liegt es in seiner Hand, ihn ans ähnliche
Weise niederzuhalten, lvie er einst die Wogen
bezähmt hat. Mitunter hat er nach eingetretenem
Sturme dcu Winden und Wellen geboten, „und
es ivard eine große Stille". Daun beliebte er
aber auch wieder ein anderes noch herrlicheres
Verfahren: er ließ dem Sturm den Zügel schießen
und gestattete der Windsbraut, das Gewässer
aufznwühlen unb seine Gischt zum Himmel zu
spritzen. Dennoch schritt er mit Sicherheit da-
rüber hin und trat die empörten Wogen mit
Füßen. So behandelte der Dulder Jesus den
Schmerz; er konnte auch diesen Wogen befehlen
und sie hätten sich gelegt; er konnte mit e i n e m
Worte den Schmerz besänftigen und seiner Seele
die Betrübniß ersparen — er hat nicht gewollt.
Er, die ewige Weisheit selbst, alles zeitgemäß
ordnend, sah nicht sobald sein Leiden heran-
kommen, als er ihm freien Lauf und volle Ent-
faltung seiner Getvalt ließ. Wohl schritt er mit
sicherer Haltung dahin, gleichwohl ging die Flnth
hoch, seine Seele gerieth in Verwirrung und
empfand bis in ihre Tiefen, in ihre zartesten
Fasern (wenn man so sagen kann) das ganze
Geivicht des Ilnmnthes, alle Stöße der Furcht,
die ganze Niedergeschlagenheit der Trauer. Glaubet
also nicht, die anbetungswürdige Standhaftig-
keit des Sohnes Gottes habe seine Schmerzen
in etwas gedämpft; er hat sie alle überwunden,
aber er hat sie auch alle empfunden; er hat den
Kelch seines Leidens getrunken bis zur Neige;
nicht ein Tröpfchen hat er sich von demselben
entgegen lassen: nicht allein getrunken hat er
ihn, sondern tropfeinveise all' seine Bitterkeit
verkostet." Rc>8Suet,, Premier sermon pour le
Vendredi Saint.

5) „Oft hat man unehrerbietiger Weife eine
Parallele gezogen zwischen dem berühmtesten
Weisen in seinen letzten Augenblicken mti) dem
Erlöser der Welt in seinem Leiden. Doch welch
ein gewaltiger Unterschied in ihrer Lage! Der
eine trinkt den giftigen Trank mit Anmut, da
er weiß, daß — mag er auch von einigen iveni-
gen noch so sehr gehaßt und beneidet werden —
die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger doch ehr-
furchtsvoll ans ihn gerichtet ist; daß sie begierig
sind, seine letzten Worte zu vernehmen und daß
seine Schüler mit solcher Liebe an ihm hängen,
daß sie gerne seinen letzten Seufzer aufsaugen
möchten. Der andere leert bis ans die Hefe einen
Kelch bitteren Leidens, lvie er vordem niemals
irgend einem nienschlichen Wesen bereitet tvorden.
Er leert ihn, verachtet, beschimpft, verhöhnt von
seinem ganzen Volke, verlassen, verleugnet und
verrathen von seinen thenersten Anhängern. Und
welch ein Gegensatz in ihrem Verhalten! Der
eine vertheidigt sich, von seinen zahlreichen Freun-
den unterstützt, mit Wärme und Scharfsinn, viel-
leicht sogar mit Aufopferung seiner wahren Ueber-
zengnngen und verkürzt sich die letzten Augen-
blicke durch die ermunternden Betrachtungen und
Gespräche seines Faches. Der andere steht in
allen seinen Verhören stumm da, obgleich seine

Unschuld es doch sehr verführerisch für ihn
machen mußte, sich siegreich zu verlheidigen, und
er bewahrt inmitten der Trostlosigkeit und Ver-
lassenheit seines grausamen Todes einen unge-
störten Gleichmnth. Und doch überzeugte sein
Schweigen den Pilatus vollständiger als die ivohl-
überlegte Nede des andern seine Richter, und
doch erzwang die ruhige Ergebung in seinem
Todeskampfe von den Lippen des biderben Hanpt-
manns und der ihm feindlichen Menge jene
Worte: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn geivesen,
tvährend der dramatische Ausgang des andern
ihm nur das Lob eintrug, daß er wie ein Phi-
losoph gestorben." Wisenian, Predigt über die
sittliche Vollkommenheit Christi in seiner Passion.

6) Wiseman, Abhandlung III, 359.

7) Rock, Hierurgia, p. 381. — Emeric David
(a. a. O. S. 147) läßt ihn wenigstens die Qua-
len seiner Kinder mitfühlen, während Viollel—
Le—Duc nrtheilt: „Die Laocoon-Grnppe ist iveit
entfernt, die Seele zu rühren und ein Drama
zu entrollen. Das sind Modelle und die Schlangen
sind nur ein Vorwand, um Wirkungen der Pose
und des Mnskelspiels zu erzielen" (Oictionnaire
de 1'arcllitect. VIII, p. 154).

8) Vgl. Kraus, Realen eyklvpädie der christ-
lichen Alterth. It, S. 239. Ulrici, Abhandl. zur
Kunstgesch. S. 56. — Wiseman, Abhandl. III, 360.

9) Apg. 2, 36. — Bossnet, Lvbr. nur de»
hl. Apostel Petrus.

1°) Js. 1, 6.

") Joh. 12. 32 f.

12) Bode, Gesch. der deutschen Plastik. S. 59

") Stockbaner, Kunstgeschichte des Kreuzes
S. 307.

") 1. Kor. 15, 54. — „Die Erniedrigung
des Herrn am Kreuz und seine Erhöhung zu
göttlicher Glorie: die leidende Menschheit und die
siegende Gottheit gehören nun einmal nutrenn-
bar zusammen; es ist eine Einseitigkeit, lediglich
die Herrlichkeit des Gekreuzigten glvrificiren zu
tvollen, ivie es das ältere und mittelalterliche
Christenthnm gethan. Es ist aber nicht minder
eine Einseitigkeit, ausschließlich die Niedrigkeit
des Gekreuzigten zu betonen. Das Christen -
thunc stellt eine Synthese von Schwachheit und
Kraft, von Sterben und Leben, von Selbst-
erniedrigung unb Erhöhung dar, lvie sie in
keiner anderen Religion je vollzogeir tvorden ist."
So Zöckler in seinem gediegenen, ivenn auch
mitunter konfessionell getrübten Bllch über das
Kreuz Christi.

") Vgl. Wisemans Abhandlung III, 360.
Wenn Stockbaner a. a. O. S. 308 meint, die
christliche Weltanschannng, lvelche lvir zur Be-
trachtung eitles Krenzignngsbildes mitbringen,
müsse rms iil Stand setzen, in dem scheinbar
unterliegenden doch beit siegreichen Helden (wie
die Tragiker sagen) zu sehen, auch wenn ans
dem Bilde selbst davon nichts oder nicht viel
hervorlenchte, so ist dagegen zu erinnern, daß
vielmehr die Kunst dieser christlichen Weltan-
schannng zu .Hilfe kommen und eben deßhalb
nach Kräften Ausdruck gebeil müsse, so gewiß
sie die Aufgabe hat, nicht nur deil äußerlich ge-
schichtlichen Verlauf der Katastrophe, sondern
zugleich tutb in einem das zu Griuide liegeildc
Geistige und Ewige zur Darstellung zu bringen
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