Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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S. Andrea in Lata Barbara Patrizia')•
In bei" letzteren steht der Herr mit einer
Rolle in' der Hand zwischen den Apostel-
sürsten und vier Evangelisten auf km
mystischen Berge, welchem wie gewöhnlich
vier Ströme entspringen.

Ein an die Einfachheit der Sarkophag-
darstellungen erinnerndes Evangelistensym-
bol tauchte wiederum in der Zeit auf,
wo gerade die Mannigfaltigkeit der Scenen
in Mosaiken beliebt war. Die Evange-
listen werden durch ein Buch oder eine
Rolle charakterisirt, welchen der Raine
der Evangelisten eingezeichnet ist. An der
Apsis der Kirche San Giovanni, deren
großartige Mosaiken einer Anordnung Galla
Placidias ihr Entstehen verdanken, reicht
Christus dem hl. Evangelisten ein Buch
oder eine Rolle “). In einer Fensternische
der Kapelle der Heiligeil Razarius und
Celsus3), wo diese edle Dame beigesetzt
war und deren Mosaiken voir ihr gestiftet
sind, ist der hl. Laurentius, der Patron
der Kaiserin, abgebildet mit einem Buch
in der Hand, dem Symbol seiner Dia-
konatswürde, und einem großen Kreuz, dem
Sinnbild seines Martyriums. In einem
Schrank, welcher daneben steht, liegen die
vier Evangelien; im oberen Fache findet
man die Bücher der Jünger Markus und
Lukas, in einem liefern die der zwei
Apostel.

Die Frage, ob die ravennatischen Mo-
saiken byzantinischen oder italienischen oder
altchristlichen Charakter und Ursprung
haben, entscheidet St. Beissel zu Gunsten
der zweiten Ansicht aus der Gemeinsam-
keit der in Roin uub Ravenna auftreten-
den Symbole. Für die soeben besprochene
einfache Art des Symbols findet sich auch
in der zweitreichsten Kirche Ravennas
S. Apollinare, welche unter byzantinischer
Herrschaft reiche Mosaiken erhielt, ein
Beispiel. An einer der zehn großen Waud-
flächen^) waren die vier großen und 12
kleinen Propheten, die Apostel und Evan-
gelisten angebracht. Letztere stehen auf
einem Fußbrett, haben Nimbus, Buch oder
Nolle. Wie in der Offenbarung die heilige
Schrift ein mit sieben Siegeln verschlos-

') Beissel 131.

2) Richter, die Mosaiken von Ravenna 110.

3) Das Bild bei Beissel 102.

4) Beissel 156; Gamicci tav. 242.

senes Buch genannt wird, so stellen auch
die Mosaik von S. Prisco, von Capua
Vetere die Evangelisten mit vier Rollen
dar, zwischen denen ein Vogel schwebt,
in dem Garrucci eine Taube, das Symbol
des heiligen Geistes, sieht').

Die dritte Art der Darstellung hat
ihren Grund in Ezechiel 1, 45 f.; Apok.
4, 6, aus welchen die eigentlichen
v o l k s t h ü m l i ch e n Symbole der
Evangelisten, die Thiergestalten, zuerst
in die Literatur Eingang fanden, dann
aber auch in der Kunst zur Verwendung
kamen.

In der Kirche S. Pudenziana, dem ur-
sprünglichen Hause des alten Senators
Pudens, den der hl. Petrus getauft haben
soll, befinden sich großartige Mosaiken aus
dem 4. Jahrhundert. In der Apsis ist
der Heiland dargestellt, sitzend auf einem
Throne, neben ihm die Apostel, lieber
dem Haupte des Herrn erhebt sich auf
einem Berge ein großes, mit Edelsteinen
besetztes Kreuz, neben welchem die malerisch
anfgefaßten geflügelten Brustbilder der
Evangelistcnsymbole erscheinen, der ge-
heimnißvollen Thiere2). Evangelistensym-
bole treffen wir in den Mosaiken der ge-
waltigen Basilika des hl. Paulus zu
Rom s).

Im Mittelpunkt des sonst verstümmelten
Cyklus brachte der Mosaicist ein großes
Brustbild Christi an, neben dasselbe stellte
er auf jede Seite einen Engel und je
zwei Evangelistensymbole.

Eine kleine Abweichung von der Auf-
fassung der Apokalypse zeigt das Mosaik-
bild in der Basilika der Heiligen Cosmas
und Damian (c. 530) beim Forum Ro-
manum. Im Triumphbogen, über der
Mitte der Apsis, sehen wir die Figur
Christi, das Lamm Gottes; neben ihm zu
beiden Seiten je zwei Engel und Evan-
gelistensymbole. Das Symbol des hl. Mat-
thäns bildet der Zeichner aber nicht als
Thier mit menschlichem Antlitz, sondern
als geflügelten Menschen. Ihm und den
drei andern Symbolen gab er ein Buch;
! jedes Evangelistensymbol hat nicht, wie

1) Garrucci tav. 254, 1.

2) de Rossi, bulletino 1867, 49. Garrucci
tav. 203. Beissel 129.

i 3) Garrucci tav. 237. Grisar, Geschichte
| Roms I 328.
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