Amelung, Walther  
Die Basis des Praxiteles aus Mantinea: archeologische Studien — München, 1895

Seite: 60
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Monge der Arbeiten, die Praxiteles in Klcin-Asien lieferte, dürfen wir
seinen dortigen Aufenthalt nicht allzu kurz bemessen, und wir werden
etwa das Richtige treffen, wenn wir denselben in die Jahre 355—346
verlegen.

Nach unseren Ausführungen gehören sodann in das Jahrzehnt
340—330, also in die fünfziger Jahre des Künstlers, noch die Thespiaden.

So sind wir über die zweite Hälfte der Thätigkeit des Künstlers
nach 355 weit besser und sicherer orientiert, als über die erste, in der
ein Zeitraum von zehn Jahren (365—355) vollkommen ohne detailliertes
Datum geblieben ist. Hier können aber unsere Betrachtungen er-
gänzend eintreten und das Bild, wenn auch nicht mit festen Daten,
doch mit "Werken beleben, denn die meisten der besprochenen Ge-
wandfiguren, deren Beziehung zu Praxiteles sich durch die Verwandt-
schaft mit den Reliefs ergeben hat, gehören in die Zeit zwischen der
Thätigkeit des Künstlers in Mantinea und der in Klein-Asien. Die-
selben ordnen sich in folgende Gruppen: 1 Athena in Florenz und
Hebe-Vatican; 2. Tochter der Balbi und Köre (Urania) im Musensaal;
3. Berliner Gewandfigur, Dresdener Gewandfigur, Vestalin und grosse
Herculanenserin. Diese letztere bildet den Abschluss und gleichsam
die Krone dieser ganzen Epoche. Das schon an den Basisreliefs fühl-
bare Prinzip kommt in ihr zur glänzendsten Bethätigung.

Dieses Prinzip ist ein durchaus plastisches, denn es
stellt das Gewand vollkommen in den Dienst des Körpers,
dessen Tonnen und Bewegung es zur deutlichsten,
schönsten Geltung bringt, ohne irgend einen wichtigen
Teil desselben durch eigene malerische Fülle zu ver-
bergen. Auch ein so reiches Detail, wie wir es an der Herculanenserin
finden, tritt durchaus gegen die grossen Hauptzüge der Falten zurück.

Es giebt zwei berühmte Werke des Altertums, welche schon von
anderer Seite überzeugend mit Praxiteles in Zusammenhang gebracht
sind und deren Gewand, obwohl es im allgemeinen schon nach dem-
selben Prinzip geordnet ist, doch dieses letztere noch unentwickelter zur
Geltung bringt, als die Musen unserer Reliefs: der sogen. Sardanapal,
bei dem Wolters zweifelte, ob er ihn für ein spätes Werk des Kephi-
sodot oder ein Jugendwerk des Praxiteles erklären sollte (Jahrb. d.
arch. Inst. 1893, p. 173 ff.;, und die Venus von Arles 1 vgl. Furtwängler,
Meisterw., p. 547 ff.), bei der ein Motiv, das wir auf den Reliefs schon
ausgiebig und mit vollendetem Geschick verwendet fanden, das Hinauf-
ziehen des Himation durch den horizontalen Wulst an zwei Stellen,
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