Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 2.1878

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zogenen und sich kreuzenden Einschnitte entbehrt, für einen Pinien-
zapfen zu halten hat16).

Unter den apotropaeischen Thieren fällt am meisten die
Schlange ins Auge, die hier so ausdrucksvoll wie an irgendeiner
dieser Votivhände verwendet ist. Dieses Thier ist bekannter-
massen am geläufigsten in der apotropaeischen Praxis. Vgl. Jahn
a. a. O. 98, Stephani C. R. 1872 S. 43 ff. Wahrscheinlich ist hierbei
der Umstand nicht ohne Einfluss gewesen, dass die Schlange Blitz-
symbol war.

Am Ballen der Hand kriecht eine Eidechse hinan, die in der
Abbildung unter n. 2 zur Kechten ganz, unter n. 1 zur Linken mit
ihrem stumpfen Kopf sichtbar ist. Jahn hat a. a. O. 99 die Eidechse
bereits unter den Thieren aufgezählt und besprochen, die auf einer
Reihe von Amuleten das „böse Auge" angreifen17) und hierdurch
als prophylaktische charakterisirt sind. Ueber die Verwendung der
Eidechsen in der antiken Medizin18) und Magie handelt eingehend
Gr. Wolff Porphyrii de philos- ex orac. haur. libror. reliq. S. 200 ff.
Es scheint, dass das Thierchen hauptsächlich als Sinnbild des Lichtes

16) Zuweilen ist ausserdem an der Handfläche oder noch tiefer ein Tischchen
oder Altar, auf dem ein Pinienzapfen steht, angebracht (e [?], / [?], p) ■ an anderen
Exemplaren (c [?], k) steht der Pinienzapfen auf einem ähnlich geformten, aber grös-
seren Gegenstand, der wenigstens aus den Abbildungen nicht gedeutet werden kann.
Thyreo s mit Pinienzapfen daran: b. Becker a. a. O. 14 f. beschreibt eine Bronze-
hand des Darmstädter Museums, „deren Daumen und Zeigefinger einen kleinen
runden Gegenstand wie ein Aepfelchen halten, der jedoch nach oben wieder einen
etwa erbsengrossen Vorsprung hat" etc. Votivhände, die einen Pinienzapfen halten,
kommen öfters vor. An die Bedeutung der Pinie im Kybeledienst (vgl. Bötticher
Baumkultus S. 144) ist schon von den Erklärern. der Votivhände erinnert worden.
Auch der Demeter ist der Baum heilig, vgl. Stephan, v. Byzanz p. 452, 8 M. und
M. Schmidt Didym. S. 374. Der Pinienzapfen auf dem Thyrsos, die Vorliebe mit
der man die Form des Pinienzapfens zur Bekrönung von Gebäuden und zu ähn-
lichen tektonischen Zwecken verwendete, hängt ohne Zweifel mit der heiligen Gel-
tung der Frucht zusammen. Die von Kaiamis gearbeitete Statue des Asklepios in
Sikyon hielt in der Hand einen Pinienapfel, vgl. Pausan. H 10, 3. Ueber die An-
wendung desselben in der materia medica F. Böttiger Kleine Schriften I S. 125**.

17) Diesen ist nun zu vergleichen ein algierischer Grabcippus (von Anzia),
auf welchem ein geflügeltes Auge attakirt wird von Schnecke, Eidechse, Schlange,
Skorpion: Rev. archeol. VH (1863) pl. 8.

18) Alexander v. Tralles 17 empfiehlt als Mittel gegen Quartanfieber: \aßd)v
öaöpav xkvjpäv Trepiaiyov auxr)v etc., in Puschmanns neuer Ausgabe (Bd. I Wien
1878) S. 437. — Auch im deutschen Volksaberglauben hat die Eidechse Bedeutung,
s. Wuttke d. deutsche Volksaberglaube S. 112 der 2. Aufl.; Grohmann Aberglauben
und Gebräuche aus Böhmen und Mähren I p. 79, 83, 101.
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