Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst   [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 36.1913

Seite: 41
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ODILON REDON.

BEKENNTNISSE DES KÜNSTLERS.

EINLEITUNG DES ÜBERSETZERS.

Was ein Künstler über sich selbst und seine Kunst sagt, erhebt stets Anspruch auf unser Interesse; dies gilt
in ganz besonderem Maße, wenn ein so eigenartiger, so ganz abseits stehender, so völlig in die Welt seiner inneren
Gesichte versenkter Künstler am Worte ist wie Redon. Gewiß, es ist eine bis zum Überdruß wiederholte Wahrheit,
daß der Künstler bilden, aber nicht reden soll. Und doch sind wir denen dankbar — man denke nur an Michelangelo —
die außer durch ihre Kunst durch literarische Dokumente einen Einblick in das Innenleben und den Gang ihrer
Entwicklung gewähren. Wer auf diese Weise den Vorhang vor der Werkstatt der Seele lüftet, in der die Kunst
langsam reift, der hilft uns auch diese Kunst besser verstehen und besser würdigen. Und keine Kunst bedarf wohl
eher eines Wortes der Rechtfertigung und Erklärung als die dunkeln Blätter des großen französischen Visionärs
Redon, die die tiefsten und geheimsten, die furchtbarsten und rätselhaftesten Dinge unserer Existenz berühren. Was
der Künstler hier mit dem Griffel, nur durch den Rhythmus der Linien und das geheimnisvolle Spiel von Licht und
Schatten ausgedrückt hat, das läßt sich natürlich nicht in enge und dürre Worte fassen, sonst hätte es des Mediums
der Kunst nicht bedurft. Redon will auch keinen Kommentar zu seiner Kunst geben, sein Werk muß durch sich
selbst sprechen. Er will nur zeigen, wie er selbst und seine Kunst geworden sind, mit Notwendigkeit geworden sind.

Er zählt alles auf, was auf die Bildung seiner Seele von Einfluß gewesen ist. Er beginnt mit den Eindrücken
vor seiner Geburt und verweilt dann eingehend bei den Dingen, die auf das Werden eines jeden Menschen von der
weittragendsten Bedeutung sind: die heimatliche Natur. Der Einfluß, den die landschaftliche Umgebung auf ein
empfängliches Kindergemüt ausübt, ist ein unbewußter, aber weil er so kontinuierlich wirkt, tagein tagaus, ist er
um so nachhaltiger und entscheidender. Redon hat das selbst gefühlt, und man geht nicht zu weit, wenn man die
düstere Melancholie, die Hoffnungslosigkeit, von der manche seiner Arbeiten erfüllt sind, mit der Verlassenheit und
Trauer, die über der Steppe von Landes liegt, in Verbindung bringt.

Der zarte, schwächliche und verträumte Knabe reift zum Jüngling heran; er soll Architekt werden; er bereitet
sich auch für dieses Studium vor, aber er besteht nicht das Aufnahmeexamen auf der Akademie. Nun darf er seiner
Neigung folgen und sich ganz der Kunst zuwenden. Sein Lehrer wird J. L. Geröme (1S24—1904). Daß dieser mit
seiner korrekten, kalten, nur mit dem Verstand und einem guten Auge geschaffenen Kunst Redon nicht gefördert
haben kann, wird jedem einleuchten, der nur einmal eines der vielen archäologischen oder orientalischen Gemälde
dieses Künstlers gesehen hat. Größere Gegensätze lassen sich auch kaum denken. Hier in Geröme ein Geist, dem
es nur um die Wiedergabe der äußeren und äußerlichen Wirklichkeit einer bestimmten Zeit oder einer bestimmten
Gegend zu tun ist, sein Mittel eine kühle, glatte Malweise, die nur feste Umrisse kennt, dort in Redon ein junger,
begabter Mensch, den es nur drängt, das innere Leben, das in ihm treibt, in dem Unbestimmten verfließender Licht-
und Schattenpartien zum Ausdruck zu bringen. Lehrer wie Schüler waren sich, wie auch Redon hervorhebt, dieser
Gegensätzlichkeit wohl bewußt.

Die offizielle Kunst konnte Redon nichts geben, und er war nicht der Mann, der in dieser Richtung Erfolge
suchte. Zu Konzessionen an den Geschmack des Publikums ließ er sich nie herab. Das verboten ihm sein Stolz
und sein künstlerisches Gewissen. Die Anerkennung und das Verständnis, das ihm einige Freunde entgegenbrachten,
genügten ihm und entschädigten ihn für den Spott und Hohn, mit dem seine Kunst von Banausen überschüttet
worden ist.

Auf einen Einfluß, den auch Redon betont, möchte ich hier auch meinerseits kurz hinweisen, weil er für Redon
von so großer Bedeutung gewesen ist und weil erst durch seine Erkenntnis Redon die richtige Stellung in der
Kunst des XIX. Jahrhunderts angewiesen werden kann. Der Meister, dessen übermächtiges Genie bestimmend auf

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