Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 36.1913

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OSKAR LASKE.

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Die Menschenmenge als Ganzes, als Einheit künstlerisch zu fassen und wiederzugeben, ist
unseren Tagen vorbehalten geblieben. Der Impressionismus hat kommen müssen, dem Maler die
Mittel an die Hand zu geben, diese Aufgabe zu lösen; sie zu stellen, dazu bieten die heute so
beliebten Massenversammlungen und -aufzüge aller Art (man denke nur an die Straßendemon-
strationen der beiden großen gegnerischen Volksparteien unserer Zeit, etwa an den Arbeiterzug am
ersten Mai und an die Monstreprozession eines eucharistischen Kongresses) immer wieder Veran-
lassung. Viele Menschen und viele Tiere darzustellen, versucht auch schon die Buschmännerkunst, und
neben- und übereinandergestellt, bald naturalistischer, bald ornamentaler behandelt, sind Menschen-
mengen, zum Beispiel Heeresmassen, auch schon von den Reliefbildnern und den Malern
Ägyptens und Mesopotamiens wiedergegeben worden. Die hellenistische Kunst, bereits mit der
Verkürzung und der Überschneidung als wichtigen Mitteln der Raumvertiefung vertraut und sie
zielbewußt anwendend, liefert in der Alexanderschlacht das glänzendste Beispiel für die Art und
Weise, wie sie sich mit dem Problem auseinandersetzt. Einen weiteren Fortschritt zeigen aber die
Reliefs der Trajanssäule. Ist nämlich die schüttere Kämpferschar jenes berühmten Mosaiks gewisser-
maßen noch dem Gesetz der Isokephalie unterworfen, so ist hier für den Beschauer ein erhöhter
Standpunkt angenommen und die hinteren Reihen, manchmal bis auf Köpfe oder Scheitel von der
vordersten verdeckt, werden über dieser sichtbar. Inkonsequent ist es, daß die Draufsicht nur für
die hinteren Reihen, nicht aber auch für die vorderste gilt, deren Gestalten alle vollständig zu sehen
sind. In der mittelalterlichen Kunst ist natürlich die Behandlung des Problems nicht weiter gediehen.
Noch auf dem Genter Altar und auf dem Kölner Dombild ist die Menge nicht anders dargestellt.
Peter Brueghel der Ältere, ein Maler, auf dessen Bildern die Darstellung der Menschenmenge eine
wichtige Rolle spielt, nimmt den Horizont sehr hoch an, um möglichst viel zu zeigen, versucht aber
auch schon, freilich nicht immer mit Erfolg, alles in der Draufsicht wiederzugeben. Die nordische
Malerei des XVII. Jahrhunderts, in der infolge der vielen Kriege die bewegte Menge ein ziemlich
häufiger Vorwurf ist, fügt die Errungenschaften der Luftperspektive hinzu. Aber bis in unsere Zeit
herauf wird die Menge gewöhnlich als Summe von Einzelnen dargestellt. Selbst der Futurist Gino
Severini tut dies noch, wenn er auch, augenscheinlich durch Stroboskop und Kinematographien dazu
verleitet, den in Bewegung befindlichen Einzelnen zerlegt oder ihn mehrfach darstellt.

Oskar Laske nun ist der Künstler, der heutzutage am öftesten die bewegte Menge zum
Vorwurf wählt und sie, mag er das Problem modern oder archaisierend zu lösen versuchen,
am erfolgreichsten darstellt. Man betrachte nur sein im Frühjahre 1910 entstandenes Aquarell:
»Leichenbegängnis des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger«. Wie vorzüglich sind da mit den
Mitteln des Impressionismus die schwarzen Menschenmengen des Zuges und der Zuschauer-
spaliere wiedergegeben. Das Flattern der schwarzen Trauerfahnen steht in wirkungsvollem
Kontrast zur feierlich gemessenen Vorwärtsbewegung des Leichenzuges, zur Unbeweglichkeit der

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