Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien>   [Hrsg.]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 23.1902

Seite: 279
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ZUR KENNTNIS DER KÜNSTLERISCHEN ÜBERLIEFERUNG

IM SPÄTEN MITTELALTER.

Von

Julius von Schlosser.

ie nachfolgenden Aufsätze wollen nichts als eine .Materialiensammlung zu einem an-
sehnlichen Capitel aus der Biologie der Kunst in den mittleren Zeiten sein; sie knüpfen
an drei Denkmäler der kaiserlichen Haussammlungen an, von denen die beiden ersten,
das Pergament mit dem Defensorium des Franciscus von Retz sowie das Model-
büchlein eines unbekannten Malers vom Anfange des XV. Jahrhunderts, zum
ersten Male veröffentlicht werden, während das dritte, die schon in einem frühe-
ren Bande dieses Jahrbuches (XVII.) publicierte Miniaturenfolge aus der einsti-
gen Ambraser Bibliothek, durch eine Anzahl neuer Funde in neue Beleuchtung gerückt worden ist. Es
möge mir gestattet sein, in diesen einleitenden Worten von dem geistigen Bande, das diese drei an-
scheinend disparaten Erzeugnisse alter Kunst meiner Meinung nach verknüpft, einige Rechenschaft zu
geben.

Dieses Band wird durch ein Problem hergestellt, das letzten Endes einer erst in den Anfängen vor-
handenen empirischen Psychologie der Kunst angehört und eine bestimmte Frage nach den Bedingungen
der Entstehung des Kunstwerkes aus dem künstlerischen Individuum umschliesst. Die beiden grossen Pe-
rioden der neueren Kunst, die wir mit den hergebrachten Namen des Mittelalters und der Renaissance be-
nennen, scheiden sich von diesem Standpunkte aus in bemerkenswerther Weise und eine ähnliche Zwei-
heit ist, wenn auch von anderen Bedingungen und Entwicklungen bestimmt, in dem vorher abgelaufenen
grossen geschichtlichen Cyklus der Antike wahrzunehmen. Doch kann es sich hier unmöglich um
künstliche, auf logischem Wege gewonnene Kategorien handeln; das Gewebe der psychischen Ent-
wicklung lässt sich nicht in die bestimmt geschiedenen Arten naturwissenschaftlicher Beschreibung zer-
legen. Psychische Gebilde leiden überhaupt nirgends scharfe Grenzen und alle Schlagwörter, wie
Idealismus und Realismus, Typisches und Individuelles, sind Hilfsmittel der Verständigung, aber so
wenig reale Wesen als die finalen Mythologien des Naturforschers, Substanz, Kraft und Energie. Diese
Einsicht kann uns nicht hindern, bei der Betrachtung im Ganzen einen wesentlichen Unterschied zwi-
schen jenen beiden grossen Perioden festzuhalten, und dadurch ist auch eine Verständigung darüber

möglich, wohin das als Uebergangszeit so merkwürdige Trecento Italiens seinem grössten Theile nach

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