Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 8.1903, Band 2 (Nr. 27-52)

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1903

JUGEND

Nr. 44



fl}ariahilf

R. M. Eichler (München)

Der

Vombatter in schwieriger Lage

Lrzählung von "Jonas Lie

^i hne den Vombatter geschah nichts in seiner Stadt.

Darüber konnte man sich nicht wundern, denn
die Väter und Urväter der Vombatter hatten dort in
Reichthum und Ansehen gelebt, so lange der Ort be-
stand. Vor der Begründung hatten sie Grundbesitz am
Fjord gehabt, an dem später die Stadt erbaut wurde.
Damals hieß der Haupthof noch Vombatter, was
später zum Familiennamen Vombatter wurde.

Die Vombatter konnten merkwürdige Sachen aus
ihrer frühesten Zeit zeigen. Besonders hatte sich ein
alter, geschnitzter, mit Blumen bemalter Schrank seit
undenklichen Zeiten von Geschlecht zu Geschlecht ver-
erbt. Auf der Schrankthüre sah man ein Gesicht, das
das erste Familienporträt darstellen sollte. Das
Bild war fast ganz verblichen; aber noch schielten
die Augen, zwei schwarze, starre Punkte, stolz auf
die starke, hoch hiuaufgebogene, große Nase herab.

Daß man hier die ursprüngliche Nase vor sich
hatte, würde heutigen Tages wohl keiner bezweifeln,
der einen Vergleich anstellen wollte.

Alst diese Vombatter halten den gemalten Mann
in der Schrankthüre angesehen. Darum hatte sich
die Nase durch der Zeiten Lauf bewahrt. Sie war
zu der Nase der Familie, und, man könnte fast sagen,
der der ganzen Stadt geworden. Eine solche Nase
hatte jetzt der erste Mann der Stadt in dem Gesichte.

Die Nase bewahrte ständig ihre gebogene, weit-
vorragende Form. Sie hatte immer die Richtung
angezeigt. An der Nase konnte keiner vorbeikommen.
Sie war früh und spät draußen und witterte.

Wenn Leute auf die Landungsbrücke kamen, er-
forschte er immer, was sie in der Stadt zu thun
hatten. Es war nicht möglich, dem Vombatter et-
was zu erzählen, was er nicht vorher wußte. Er
schwieg nur verschlossen. Alles Mögliche hatte er

schon vorher gehört gesehen und gewittert. Dieser,
oder Jener durste wohl eine Idee haben, durch die
die Stadt emporkommen konnte, aber sie mußten
zuerst damit zum Vombatter hingehen.

Er war und blieb es, der bestimmte, wo die
Flaggenstange stehen sollte.

So kam einer der Bürger auf den Einfall, daß
es sehr vernünftig sein würde, aus der Stadt, die
so nah und bequem an der See lag, einen Badeort
zu machen. Alle wurden von dem Gedanken ergriffen
und wollten Aktien nehmen. Es war ja klar, daß
man Kapital herausschlagen konnte, meinten sie.
Aber Vombatter schwieg nur verschlossen, grinste
und hielt die Nase ganz gerade. Er sagte aber
kein Wort. Da begannen sie, zu zweifeln. Vielleicht
war das Wasser nicht salzig genug oder vielleicht
allzu salzig, die Stadt zu sehr dem Winde aus-
gesetzt, der Wellenschlag zu schwach, vielleicht die
Strömung zu stark. Vielleicht war etwas auf dem
Grunde, Tang, Algen, sehr viel gefährliches See-
gras, das sich um die Füße der Badenden schlingen
konnte. Man konnte nicht so genau wissen, was da-
hinter steckte; aber wenn der Vombatter so ver-
schlossen schwieg, dann —

In der Stadt kleideten sie sich, wie er, und such-
ten, wie er, mit schlendernden Schritten, die eine Hand
auf dem Rücken, zu gehen und gerade vor sich hin
zu sehen. Von einem Dampfschiffe sah es aus, als
wenn da auf der Brücke nur kleine oder große Vom-
batter herumgingen.

Aber es kamen immer mehr Reisende durch die
Stadt, um die schönen Thäler dort zu besuchen und
zu besehen. In der Sommerzeit zog ein bunter
Strom von Fremden aus allen Ländern dort umher.
Reisende kamen und fuhren fort. Da es keinen zeit-
gemäßen Gasthof gab, hielten sie sich nur so lange
auf, bis sie „Skjuts" *) bestellt hatten.

*) Kleine, zweirädertge, offene Postwagen mit einem
Pferde, die meist von jungen Burschen kutschiert werden
und nur von einer Skjutsstation zur andern mit einzelnen
Reisenden auf Bestellung fahren.

Da begannen einige Bürger zu agitieren und An-
träge zu stellen: „Man sollte sich zusammenthun, ein
größeres, modern eingerichtetes Hotel aufzuführen,
das die Reisenden zu ihrem Orte hinziehen könnte."

Aber Vombatter rümpfte so oft die Nase, wie die
Sache zur Sprache kam, machte Kehrt und ging fort.

Das Gesicht war ganz bewegungslos und die
große Nase mit den fest entschlossenen Zügen lehnte
sie gleichsam ab. Sie dachten dann, er irrte sich, und
konnten nach Hause gehen und sich hinlegen.

Sie bekamen den größten und ehrerbietigsten
Respekt vor ihm. Er meinte wohl, dieser Fremden-
verkehr wäre ein zu unsicheres Geschäft, um daraus
zu bauen und Kapital anzulegen. Vielleicht hing
es zu sehr von Wind und Wetter ab. Einige neu-
gierige Vergnügungsreisende hatten in diesem und
im nächsten Jahre andere Launen.

Später fand eine Besprechung darüber statt, ob
man für ein Fjorddampfschiff, das die Reisenden
hierher bringen könnte, eine Subscription veran-
stalten sollte. Er ging auf der Brücke, mit der
Hand auf dem Rücken und die Nase so geradeaus,
wie ein Bugspriet, auf und ab.

Der Vombatter witterte etwas. Er meinte wohl,
der Fjord wäre eine zu kurze und gefährliche Route,
es wäre nur ein vorübergehender Freudenrausch,
die Touristen wählten lieber den Landweg

Die Fremden fragten aber nicht um Erlaubniß,
den Weg zum Fjorde und der schönen Gegend da-
hinter zu nehmen. Die Bürger ließen sie dann
gehen und kommen, da sie auch Etwas dafür be-
zahlten.

Dann geschah es aber, daß ein Reisender auf der
Gasse stand und dachte, als er den Vombatter sah,
der Manu mit der großen Nase müßte ihm sagen
können, welcher Weg zur Dampfschiffsbrücke hin-
führe. „He, lieber Mann!" rief er und winkte'

Doch er irrte sich in der Person. Vombatter
war nicht einer, der auf „He, lieber Mann" hörte.
Er schwieg nur vornehm und ging vorbei. Als er

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Jonas Laurits Idemil Lie: Der Vombatter in schwieriger Lage
Reinhold Max Eichler: Mariahilf
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