Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

Page: 110
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ISABELLA WOLDT

Erfindungsfahigkeit des Kiinstlers spricht Shaftesbury davon, daB ein
guter Kiinstler seine Arbeit im Inneren beginnt, was heiBt, daB er zuerst
die Idee des Werkes formen, dann die praktische Arbeit ausiiben soli36.
In den Plasticks fugt Shaftesbury seinen theoretischen Uberlegungen
iiber den inneren Charakter des Kiinstlers auch Anforderungen hinsicht-
lich seiner Bildung und Qualifikation in bezug auf die Arbeit bekannter
antiker und moderner Kiinstler hinzu. Orientiert an Franciscus Junius,
empfiehlt er den modernen Kunstlern das Studium antiker Meister, alle
funf Teile der Malerei sowie andere explizite Funktionsprinzipien der
Kunstgestaltung gut ausfiihren, um damit ein schones Kunstwerk schaf-
fen zu konnen37.
Man muB an dieser Stelle wesentliche Merkmale eines guten und
wahren Kiinstlers festhalten. In Shaftesburys Vorstellung muB ein
Kiinstler sich seiner moralischen Bildung sicher sein, und hierfur sollte
er die Natur beobachten. Gemeint ist damit die Betrachtung des natiirli-
chen sittlichen Verhaltens des Menschen, auch im Hinblick auf die Ge-
sellschaft, durch das der Mensch auf die natiirlichen Gesetze in der
auBeren Natur aufmerksam wird. Da Shaftesbury, wie schon erwahnt,
die griechisch-antike Kunst ais ideales Vorbild schoner und guter Kunst
betrachtet, sollte sich der Kiinstler dem Studium der antiken Meister
widmen. Diese Elemente seiner Ausbildung wiirden ihm helfen, schone
und gute Ideen zu bilden, die er dann gemaB den funf Kategorien der
Malerei im Werk umsetzen konnte.
Die SchluBfolgerung ist, daB nur ein wahrer Kiinstler, der alle Stufen
der Ausbildung beherzigt hat, fahig ist, ein heroisches, groBartiges Werk
zu schaffen38. In diesem Zusammenhang kritisiert Shaftesbury die Salon-
malerei der popularen englischen Portratisten Geoffrey Kneller, Samuel
Cooper und John Riley („Face-Painter Limner”). Die Darstellung des
Sujets lebe nur von den in Gedanken versunkenen Gesichtern. Da die
Figuren nicht handelten, wiirden sie das Geschehen nicht direkt beob-
achten, und es gebe gar nichts im Bild39. Wenn man andererseits ein
groBartiges Sujet einem wahren Kiinstler iibergebe, wiirde er ein Werk
schaffen, welches eine reflektive Wahrnehmung erfordert, da er alle
Gesetze und Maximen der kiinstlerischen Darstellung richtig eingesetzt
hatte. Shaftesbury lobt in diesem Zusammenhang Luca Giordano ais den
besten Maler von Menschengruppen („Rabble-Painter”), bezogen auf dessen
Leistung im Deckengemalde der Cappella del Tesoro di San Gennaro im
Dom von Neapel mit der Darstellung der Flucht aus Holofernes Lager

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SE, 1,5, S. 184.
SE, 1,5, S. 254.
Ebd.
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