Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

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angemessenen Position dazu befmden102. Moglicherweise meint er hier
Albrecht Diirer und dessen Selbstportrat von 1500 (Alte Pinakothek,
Miinchen), auf dem der Kiinstler sich en face in einer christomorphen
Form einer Vera Icon veranschaulicht und mit dem Zeigefinger seiner
rechten Hand, angelegt an die Brust, wohl zum Herzen weist (Abb. 21).
Die Forschung diskutiert, ob es sich bei der Geste um den Ausdruck
von Selbstiiberheblichkeit oder Blasphemie des Malers handelt oder -
wie Erwin Panofsky meinte - um den „Salvator Mundi” im Sinne einer
frommen Selbstdemiitigung des Dargestellten. Das Selbstbildnis wiirde
demzufolge nicht das erklaren, was der Kiinstler beansprucht zu sein,
sondern das, was er demiitig bestrebt sein muB103. Shaftesburys Hinweis
bezieht sich aber weniger auf die Gestaltung des Gesichtes ais auf die
Stellung des Fingers, die der Stellung des segnenden Fingers des Gottes-
sohnes ahnelt. Es stellt sich jedoch die Frage, ob der Philosoph unmittel-
bar das Gemalde von Diirer meint oder ob er nicht vielmehr von Georg
Vischers Kopie (1637, Bayerische Staatsgemaldesammlung) spricht, in der
der Maler, das Bildnis Diirer nachahmend, Christus mit dem Antlitz von
Diirer in der Szene Christus und die Ehebrecherin darstellte (Abb. 22)104.
Das Motiv der Ehebrecherin soli ein haufiges Pendant zum Christusbild
102 SE, 1,5, S. 210. Shaftesbury spricht hier nicht direkt den Namen von Albrecht
Diirer aus, der Hinweis konnte jedoch auf den deutschen Meister zutreffen: „[...] wch is the
same as theatrical Action, Pulpit Action as in forreign Catholiąue-Country [...] And from
hence I have known a real able, but devout, Painter fali in raptures on the athetick Action
of the Christ & ye Touch of the single Finger on the Breast (the other Fingers in apt posi-
tion about it) when by this, he realy & truły shewd & even demonstrated to me the Affec-
tation I suspected, & wch I was allways willingly in honour of Carache to pass by un-criti-
ciz.” Zu fragen ist auch, woher Shaftesbury das Gemalde von Albrecht Diirer hatte kennen
konnen. Es ist moglich, dafi er es direkt in Niirnberg wahrend seiner Europareise gesehen
hat, da es sich dort hochstwahrscheinlich 1689 befand (vgl. G. Goldberg, B. Heimberg,
M. Schawe, Die Gemalde der Alten Pinakothek, Bayerische Staatsgemaldesammlung
Miinchen (Hrsg.), Heidelberg 1998, S. 340 f. [Goldberg/Heimberg/Schawe 1998]), es
ist aber nicht gesichert, daB er auf dem Weg von Prag iiber Dresden, Leipzig, Berlin und
schlieBlich Hamburg in Niirnberg war (vgl. Voitle 1984, S. 34 ff.). Er hatte das Bild - wie
auch das von Vischer - aus zahlreichen Kopien in der Druckgrafik gekannt haben konnen
(vgl. J. Heller, Das Leben und die Werke Albrecht Diirers, Bamberg 1827/1831, Bd. 2,
S. 946 f.).
103 Vgl. E. Panofsky, Das Leben und die Kunst Albrecht Diirers, Miinchen 1977, S. 57 f.
Zum Forschungsstand vgl. Goldberg/Heimberg/Schawe 1998, S. 324 ff. Eine weitere
Interpretationsmbglichkeit sei die Verschmełzung zweier Bilder in einem Bildnis, wie es
bei einem Diptychon iibłich war, dem Christusbild oder dem Bild Mariens das Bild des
Stifters gegeniiberzustellen, kam es hier zur Verflechtung beider Bilder in einem (vgl.
M. Warnke, Geschichte der deutschen Kunst. Spdtmittelalter und friihe Neuzeit 1400-
1750, Miinchen 1999, S. 169).
104 Vgl. Goldberg/Heimberg/Schawe 1998, S. 29, 326 (Abb. II.4).
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