Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

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ter nicht allein, sondern zusammen mit jeweils einer weiteren Person.
Das etwas fruhere Bild - ein Doppelbildnis - stellt Shaftesbury mit
seinem Bruder Maurice in einer Landschaft dar. Lord Shaftesbury rechts
lehnt an der Schulter seines Bruders, der mit seiner Rechten nach links
in die Landschaft (im Gemalde nach auBen hin) weisend spricht. Shaf-
tesbury selbst schaut schweigend mit einem zufriedenen Gesichtsaus-
druck in die vom Bruder gewiesene Richtung. Beide Manner sind mit
antiken (neo-griechischen) knielangen Tuniken und Kappen bekleidet.
Rechts im Hintergrund ist ein antiker Tempel mit der Inschrift QEWI
PUQ112 („Dem delphischen Gott” [Apollo; I. W.]) zu erkennen. Die wilde
Parklandschaft, die den Tempel umschlieBt, entspricht Shaftesburys
Vorstellung von einer Landschaftsdarstellung, die er bei den Arbeiten
von Salvator Rosa yermiBte. AuBerdem schildert das Bild eine Situation,
die spater in Shaftesbury Traktat The Moralists beschrieben wird. Es
handelt sich dabei um den sokratischen Dialog zwischen Theocles und
Philocles wahrend eines Spazierganges, insbesondere um Theocles
Hymnus auf die Natur, der wie folgt beginnt: „JUST as I had said this,
he turnd away his Eyes from me, musing a while by himself; and soon af-
terwards, stretching out his Hand, as pointing to the Objects round him,
he began”113. Diese Beschreibung vermittelt das Bild eines der umgeben-
den Natur zugewandten und ekstatisch sprechenden Theocles. Diese
Haltung ist vergleichbar mit jener, die der Kiinstler Shaftesburys Bruder
im Doppelbildnis verliehen hat. Wiirde man davon absehen, daB es sich
hier um ein Portrat handelt, ware es moglich, dieses Gemalde ais ein Hi-
storienwerk zu behandeln, das aber urspriinglich nicht auf einer literari-
schen Vorlage basiert (die Abhandlung erschien wenige Jahre nach der
Fertigstellung des Gemaldes114), sondern auf einer Idee, die dem Maler
wahrscheinlich mundlich in einer Erzahlung dargelegt wurde. Wie einige
andere Werke dieser Epoche steht auch dieses Gemalde damit am Rande
der Malgattungen, zwischen Portrat und Historienbild115.
Das Gemalde ist - ahnlich wie spater Herkules am Scheideweg - das
Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem Maler und dem Philoso-
phen. Es ist ein Portrat, welches nicht nur die Statur der Bruder wieder-
gibt, nicht nur dereń Bewunderung der Antike und der Natur, sondern

112 Vollstandig wiirde die Inschrift lauten: QEWI PUQIWI.
113 Characteristicks, II, S. 344.
114 Die Abhandlung erschien erstmals 1705 unter dem Titel The Sociable Enthusiast; a
Philosophical Aduenture Written to Palemon und dann 1709 in einer geanderten Fassung
ais The moralists, A „Philosophical Rhapsody”. Being a recital ofCertain Conoersations on
„Natural” and „Morał Subjects”.
115 Obwohl das Konzept des Werkes wie es aussieht von Shaftesbury selbst stammt,
war Closterman direkt nach seiner Romreise der Idee des Philosophen nicht abgeneigt.
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