Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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ISABELLA WOLDT

das zugleich die innere Empfmdsamkeit der Manner ausdriickt - Shaf-
tesburys Sicherheit und Zufriedenheit, die sich in seinem Gesichtsaus-
druck und der lassigen, ruhigen Pose auBern, und die Erhabenheit des
Bruders im Moment der Naturbetrachtung und Reflexion. Closterman
griff auf die Tradition des Freundschaftsbildes zuriick, um einen weite-
ren Aspekt hervorzuheben, namlich die Relation zwischen dem inneren
moralischen Charakter des Menschen und den auBeren characters116, ein
Aspekt, der wohl ais zentral in diesem Gemalde und fur Shaftesburys
Lebensphilosophie zu betrachten ist. Dabei gemeint sind die Darstellung
und der Ausdruck des emotionalen Verhaltnisses zwischen den beiden
Dargestellten. Zu diesem Zweck wird der Blick des Betrachters im
Gemalde nicht auf eine der Personen zentriert. In der lehnenden
Haltung wird der Korper des jungen Shaftesbury ins Zentrum verlagert,
seine Hand iiber der Schulter des Bruders und die Blickfuhrung entlang
dessen Armes bilden das Zentrum. Es ist die Schonheit der Freundschaft
und der menschlichen Zuneigung der beiden, der sensus communis, der
hier einen harmonischen Ausgleich zur Schonheit der auBeren Natur
bildet* 11'. Nicht ohne Grund erkannte man in der Struktur des Bildes die
antiken Darstellungen der Briider Castor und Pollux - den antiken
Typus der Freundschaft und Geschwisterliebe (Abb. 28), eines Typus,
der eben in dem Freundschaftsbildnis und vielen Portrats, wo mehrere
Personen dargestellt sind, lange und tiefe Tradition entwickelt hat118.
Shaftesburys Ganzfigurenportrat mit Begleitperson (Abb. 24) malte
Closterman etwa ein Jahr spater. Ais junger Gelehrter, gekleidet in ein
antikes pastell-violettes Gewand, steht Shaftesbury links in einem klas-
sischen Innenraum, der antiken Statuę eines Rhetors gleichend, mit
seiner rechten Hand auf eine gemauerte Ablage gestiitzt, auf der
mehrere Biicher stehen, wobei zwei Autoren erkennbar sind, der eine ist
116 Vgl. SE, 1,5, S. 214 ff. Characters, von denen Shaftesbury drei Kategorien unter-
scheidet, konnen ais elementare Formen des Ausdrucks des Wesens der Dinge bezeichnet
werden. Sie beziehen sich auf bestimmte Kunstgattungen. Wahrend Shaftesbury mit der
ersten Kategorie (Ist characters) vor allem diskursive Formen meint, rechnet er zu der
zweiten die Malerei, Skulptur und Grafik (2nd characters), die dritte sei dagegen eine
Mischform aus beiden und am deutlichsten an Emblemen zu beobachten (3rd characters).
(Zu allem vgl. auch meine Dissertation Architektonik der Formen in Shaftesburys „Second
Characters”).
11' Wahrend das spater in Italien entstandene Werk von P. de Matteis, Herkules am
Scheideweg ais durch und durch ideologisch anzusehen ist, ein Lehrstiick der Kunsttheo-
rie und von Shaftesburys stoisch-sokratisch beeinfluBter Philosophie, zeigt dieses Werk
auf eine subtilere Weise die Schwerpunkte seiner Asthetik und die Umsetzung anhand
kiinstlerischer Mittel.
118 Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC), Munchen 1981 ff., Bd. 3,2,
S. 479, Abb. 14; Bd. 3,1, S. 567-635. Vgl. Rogers 1983, S. 231.
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