Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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ISABELLA WOLDT

Form- ais auch der Bedeutungsebene126. Warum aber verzichtet Simon
Gribelin in der grafischen Ausfuhrung des zweiten Gemaldes auf die
Darstellung der Begleitperson und statt dessen fiigt die Darstellung
eines Gartens im Hintergrund hinzu? Die Antwort auf diese Frage ist in
Shaftesburys Auffassung uber die Kategorien der kiinstlerischen Formen
zu suchen, den characters. Sollte Shaftesbury tatsachlich die Ausfiihrung
der Grafik durch Gribelin beaufsichtigt haben, dann scheint mir plausi-
bel zu vermuten, daB das Werk zur gleichen Zeit entstand, ais er an den
Frontispizen fur die zweite Ausgabe der Characteristicks gearbeitet hat,
also in den Jahren 1711-1712. Aus dieser Zeit stammt sein Schema zu
den characters, die Unterscheidung also zwischen den lst, 2nd und 3rd
characters. Wahrend die Gemaldeportrats von Closterman, die den
Inhalt bildhaft darstellen, zu den 2nd characters gehoren, ist die Grafik
meines Erachtens der dritten Kategorie, der Shaftesbury insbesondere
die Emblemata zuordnet, zuzurechnen. Sie vermitteln den Inhalt nicht
mehr rein bildhaft, sondern auch diskursiv. Die Elemente miissen sich
nicht an die Maximen der Darstellung eines Historienbildes halten. Die
Motive diirfen nebeneinander stehen ohne eine bildhafte Relation. Die
Verknupfung entsteht namlich auch auf der erweiterten symbolhaften
Bedeutungsebene. Wahrend also die Gemalde einen durch Gesten und
Korperhaltung der Personen ausgedriickten Zusammenhalt veranschau-
lichen, entfallt dieser Zusammenhalt in der emblematischen Grafik. Die
dargestellten Motive gewinnen hier einen erweiterten Bedeutungszu-
sammenhang, sie erhalten einen symbolischen Charakter. Hier steht
Shaftesbury selbst ais Gelehrte und Virtuoso vor uns. Die Dialogebene
zwischen ihm und der Welt erfordert jetzt keinen Vermittler - wie Whee-
lock oder den Bruder Maurice -, die Welt befmdet sich in Shaftesburys
unmittelbarer Nahe und fur sich. Die Darstellung des Gartens ais Resul-
tat aktiver formender Kraft des Menschen ais ein poietisches Wesen
bedarf hier keiner transitorischen Ebene, damit die Einheit des Werkes
aufrechterhalten bleibt. Die Grafik ist also nicht mehr ein Portrat von
Shaftesbury, sondern vielmehr das Symbol des gestaltenden Menschen.
Auch wenn Shaftesbury in der bildenden Kunst die Darstellung wilder
und unberuhrter Natur bevorzugt (wie die Darstellung des Parks auf
dem Bild mit Bruder Maurice), in der Grafik handelt es sich yielmehr
um eine emblematische Struktur und gerade ein Garten kann die aktive
Gestaltungsfahigkeit des Menschen plausibel zum Ausdruck bringen127.
126 Shaftesburys Kritik an der aktuellen Portratmalerei besonders in England wurde
bereits oben angedeutet (vgl. S. 8).
1-/ Uber den Bezug der Darstellung des Gartens im grafischen Portrat zu Shaftesbu-
rys eigenen Aufzeichnungen uber die Gartengestaltung auf dem Anwesen in St. Giles vgl.
Leatherbarrow 1984.
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