Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

Page: 151
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LORD SHAFTESBURY UND DIE KUNSTLER

151

Zitat aus dem Brief beweist, dachte Shaftesbury bei seiner Entscheidung
nicht nur an die Arbeit, sondern auch an die eigene gesellschaftliche
Stellung in Neapel. Paolo de Matteis erfullte wohl beide Kriterien.
Ein beeindruckendes Beispiel dafiir, daB Shaftesbury den Kiinstler
nicht riicksichtslos bloB ais Handwerker und praktische Hand fur die
Umsetzung seiner eigenen Ideen sah, liefert ein Brief des Philosophen an
den Maler wahrend der Arbeiten an dem Herkules-Gemalde (Abb. 1)
vom 1. Juli 1712 aus Chiaja. Dort auBert Shaftesbury seine Zufrieden-
heit iiber die Ausfiihrung von Herkules und Tugend in der kleinen
Fassung des Gemaldes (Abb. 2) sowie seine Zweifel hinsichtlich der Dar-
stellung der Voluptas. Er rat dem Kiinstler, dieses Problem selbst noch-
mals zu betrachten und mit dessen Freunden und guten Kritikern zu be-
urteilen:
[...] Je vous proteste que les deux premieres Figures (c’est-a-dire, Hercule et la
Vertu) m’ont frappe si fort ce matin, ąuayant transporte d’abord le petit Tableau,
dans 1’autre Chambre pour le comparer avec le grand, il m’a semble que Vous,
Vous etiez surpasse. Pour le [Tour du] visage [et principalement le
menton et la Bouche] de la Volupte cela ne m’a pas paru s’heureux. (Test le
seul morceau qui semble demeurer en arriere. Pour moy, je ne me soucierois
gueres de mettre tant de charmes dans la Volupte, mais peut-etre que les autres
ne la trouveront pas assez mignonne. Jugez en Vous-meme, ou avec vos amis et
bons Critiques. Je vous envoy le Tableau expres141.
Diese Mitteilung gibt einen Einblick in das tatsachliche Verhaltnis
zwischen dem Virtuoso und dem Kiinstler. Shaftesbury war der Auftrag-
geber und Konzeptentwickler, aber er achtete die Meinung von de
Matteis, auch von dessen Freunden und anderen Kritikern. Das bedeu-

des 16. bis 18. Jahrhunderts, Fridingen 1980, S. 168 f.; B. Schnackenburg, Gesamtkata-
log: Gemaldegalerie Alte Meister. Staatliche Museen Kassel, Mainz 1996, S. 180, Tafel 311).
140 0’Connell fragt, warum Shaftesbury den derzeit fuhrenden italienischen Kiinstler
Francesco Solimena nicht beauftragt habe. Sie selbst erklart dies etwas einfaltig damit,
daB Shaftesbury sich moglicherweise fur de Matteis entschieden habe, weil dieser fur
seinen intellektuellen Geist und seine Geldgier bekannt gewesen sei, auBerdem habe er
einen herrischen Patron besser akzeptieren konnen. Hierzu und zur Geschichte der Zu-
sammenarbeit vgl. 0’Connell 1988/1991, S. 151 ff. Zum Verhaltnis zwischen Shaftesbu-
ry und de Matteis siehe auch Pestilli 1990, S. 103 ff.; F. Portier, Un Mecene anglais et
des artistes italiens au debut du XVIIIe Siecle: Lord Shaftesbury, Antonio Verrio et Paolo de
Matteis, (in:) „Etudes Anglaises” 42 (1989), Nr. 4, S. 401-410. Ein Grund, warum Shaftes-
bury sich fur de Matteis entschied, konnte seine friihere personliche Bekanntschaft mit
Luca Giordano gewesen sein, den er wahrend seiner Europareise 1688 kennengelernt und
dessen Werkstatt er in Neapel besuchte hatte (vgl. Voitle 1984, S. 26 f.). Moglicherweise
hat er damals schon den jungen Maler Paolo de Matteis - der in Giordanos Werkstatt
Lehrling war - gesehen.
141 PRO 30/24/23/9, S. 32. Vgl. SE, 1,5, S. 381.
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