Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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ISABELLA WOLDT

tet, daB der Philosoph das Werk nicht nur aus seiner eigenen Perspekti-
ve beurteilt, sondern die mogliche Sichtweise der spateren Rezipienten
beachtet hat. Benedetto Croce berichtet, Shaftesbury habe, ahnlich wie
bei seinem Verhaltnis zu Closterman, viel Zeit mit de Matteis im eigenen
Haus verbracht142. Er unternahm mit ihm auch Spaziergange in die ortli-
chen Kirchen, dereń Ausstattung er gemeinsam mit dem Kiinstler be-
trachtete und beurteilte143. In bezug auf eine ihm von „Sign Paolo” (Paolo
de Matteis; I. W.) erzahlte Geschichte iiber die Entstehung der Fresken
in der Cappella del Tesoro di San Gennaro in Neapel erwahnt er in den
Plasticks die Notwendigkeit, sich mit den Entstehungsumstanden der
Werke und den Verhaltnissen zwischen den Kunstschaffenden und dereń
Auftraggebern auseinanderzusetzen144. Obwohl Croce das Verhaltnis
zwischen den beiden ais Zusammenarbeit bezeichnet und die Bedeutung
von de Matteis Kenntnissen hinsichtlich der kiinstlerischen Arbeit (er
war ja Schiller von Luca Giordano) und der neapolitanischen Kultur-
und Gesellschaftsszene hervorhebt, meint er, daB zwischen Shaftesbury
und de Matteis ein intellektuell ungleiches Verhaltnis bestanden habe145.
Shaftesbury war letztlich mit de Matteis Leistung bei der Produktion des
Gemaldes zufrieden und iibertrug dem Kiinstler den Auftrag, eine kleine
Version des Bildes (Abb. 2) auszufiihren146.
Auf die gute Zusammenarbeit laBt sich Shaftesburys Entscheidung
zuruckfuhren, das eigene Portrat ais sterbender Philosoph und Studie-
render der Kiinste an de Matteis zu vergeben. Das Gemalde sollte ais Hi-
storienwerk strukturiert werden. Hierzu erzahlt Shaftesbury in einem
der drei iiberlieferten Briefe an de Matteis beziiglich des Portrats die Ge-
schichte eines sterbenden Mannes und gibt dem Kiinstler Empfehlungen
hinsichtlich der Herstellung des Bildes147. Gleichzeitig bittet er den
Maler, ihm seine Vorzeichnungen vorzulegen, und versichert ihn, daB er
„groBziigig behandelt wird”148.
Ais Philosoph und Edelmann sollte der Dargestellte durch seine
Haltung und seine Garderobę sowie durch Ornamente (das Familien-
wappen auf einer Tapisserie) und auch durch seinen Gesichtsausdruck
und den Blick ais wahre Personlichkeit oder Charakter zur Anschauung
142 Croce 1925, S. 12.
143 Croce 1925, S. 15 f.
144 SE, 1,5, S. 212.
145 Croce 1925, S. 15.
146 Vgl. Shaftesburys Brief an Paolo de Matteis: „Chiaja le 29me de Juin 1712 au Soir”
(PRO 30/24/23/9, S. 239).
147 PRO 30/24/26/1, „Virtuoso Coppy Book”, Shaftesbury an Paolo de Matteis aus
Chiaja vom 12. Januar 1713 [SE, 1,5, S. 420],
148 PRO 30/24/26/1, Shaftesbury an Paolo de Matteis aus Chiaja vom 13. Januar 1713
[SE, 1,5, S. 422],
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