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78

H. Nesselhauf


verschafft er uns aber selbst noch die Möglichkeit, wenn schon nicht der historischen
Wirklichkeit habhaft zu werden, so doch die Retusche als solche zu erkennen. Was die
germanische Invasion in Gallien anlangt, so läßt sich an Tatsächlichem nur soviel fest-
stellen, daß zu dem Zeitpunkt, als Caesar sich dieses Vorgangs bediente, um in Gallien
militäricb. am Zuge zu bleiben, von linksrheinischem Gebiet lediglich ein Drittel des
Sequanerlandes im Elsaß von Germanen — welcher Stammeszugehörigkeit, wissen wir
nicht — okkupiert war (b. G. I 31, 10). In der Schlacht selbst sind dem caesarischen
Bericht zufolge die Scharen Ariovists vernichtet worden, sofern es ihnen nicht gelang,
über den Rhein zu. entkommen (b. G. I 53; vgl. Liv. per. 104. Dio 38, 50, 5). Dem ent-
spricht es, daß Caesar an einer späteren Stelle seines Werks, an der er die bisherigen
Ergebnisse seiner Tätigkeit in Gallien zusammenfaßt, es als das Resultat seines Feldzugs
gegen Ariovist bezeichnet, daß die Germanen hinausgeworfen, d. h. aus Gallien ver-
trieben seien (b. G. III 7, 1). Wir können diese Angabe nicht mehr nachprüfen, haben
aber keinen Anlaß, das Gegenteil, wie dies zumeist geschieht10), anzunehmen, und vollends
fehlt uns jede Handhabe, um das Gegenteil zu erweisen, zu erweisen nämlich, daß Caesar
die auf Seiten Ariovists kämpfenden germanischen Stämme der Vangionen, Nemeter und
Triboker links des Rheins belassen oder gar angesiedelt habe. In den sicher caesarischen
Partien der Kommentarien findet sich kein Hinweis auf germanische Siedler links
des Rheins für die Zeit nach der Ariovistschlacht. Nur in dem Exkurs über Maas und
Rhein IV 10,3, dessen caesarischer Ursprung aber mit gewichtigen Gründen bestritten
wird, und fast gleichlautend bei Strabo IV 3, 4 werden unter den linken Angrenzern des
Oberrheins nach Helvetiern, Sequanern und Mediomatrikern auch die Triboker, nicht
aber die Nemeter und Vangionen genannt. Da Caesar seiner eigenen Angabe zufolge die
Ariovistgermanen aus Gallien vertrieben hat, spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür und
andererseits nicht dagegen, daß hier ein nachcaesarischer Zustand beschrieben wird “).
Strabo sagt überdies ausdrücklich, die Triboker seien über den Rhein herüber gekommen
und hätten sich auf Mediomatrikergebiet niedergelassen. Auf die Germanenansiedlung un-
ter Ariovist kann sich das also nicht beziehen, denn sie erfolgte ja auf sequanischem Terri-
torium (b. G. I 31, 10). Erst nach den Tribokern haben die Nemeter und Vangionen ihre
Wohnsitze auf dem linken Rheinufer um Speyer und Worms bezogen. Das muß späte-
stens in der ersten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts geschehen sein, denn
im Jahr 50 n. Chr. beteiligten sich reguläre Auxiliarformationen der Nemeter und
Vangionen im römischen Heer an einem militärischen Unternehmen (Tac. Ann. XII 27).
Das setzt die Zugehörigkeit dieser Stämme zum imperium Romanum voraus. Bei Plinius
n. h. IV 106 sind sie dann auch als linke Anwohner des Rheins verzeichnet.

10) Die einzige mir bekannte Ausnahme macht TH. Steche, Mannus 31, 1939, 416 ff., allerdings
mit unzureichender Argumentation. Unter anderen Seltsamkeiten findet sich in diesem Aufsatz
die sonderbare Vorstellung, daß zu Caesars Zeiten der Oberrhein die rechtsrheinischen Hel-
vetier von den linksrheinischen Germanen getrennt habe; sie bedarf keiner Widerlegung.
n) Daß die Notiz bei Strabo aus Poseidonios stamme, wie dies U. Kahrstedt, Nachr. Gesellsch.
d. Wiss. Göttingen 1933, 262 behauptet, ist nicht nur unbewiesen, sondern auch ganz unwahr-
scheinlich, denn der Textzusammenhang zeigt durchgehend Verarbeitung von caesarischem
Material mit späterem. Auch ist nicht einzusehen, warum Brocomagus-Brumath, bevor es
zum Vorort der civitas Tribocorum wurde, nicht zum Territorium der Mediomatriker gehört
haben soll.
 
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