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Buchbesprechungen

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Norden ebenfalls ihre besonderen Vorstellungen vom Ablauf der Urnenfelderkultur haben, so ist
die babylonische Sprachverwirrung bald eine vollkommene. Es scheint uns hohe Zeit, daß sich die
Urnenfelder-Experten einmal zusammensetzen, um ein möglichst allgemeinverbindliches Chrono-
logieschema auszuarbeiten. Dies ist um so notwendiger, da weitere große Materialpublikationen
in Aussicht stehen: Im Osten die Urnenfriedhöfe des Münchner Raumes und die urnenfelderzeit-
lichen Depotfunde Bayerns, im Westen die Urnenfeldersiedlung Burkheim a. Kaiserstuhl, die
Urnenfelder der Pfalz, Rheinhessens und des Neuwieder Beckens.
Rein formkundlich nimmt Kelheim eine deutliche Sonderstellung ein, die es wohl erlaubt, von
einer ,Kelheimer Gruppe' zu sprechen. Man wird es dem Bearbeiter überlassen müssen, ihre
Grenzen genauer abzustecken; hier sei nur daran erinnert, daß Kelheimer Enghalsurnen noch auf
der Reisensburg bei Günzburg und im Tirolischen vorkommen, was zugleich die starke West-
orientierung der Gruppe unterstreicht. Eine flüchtige Analyse schon vermag wichtige Anhalts-
punkte zu geben. Der breite Becher mit Girlandenzier (Taf. 7, C 2) könnte genau so gut in
Buchau oder Hanau gefunden worden sein. In den gleichen Bereich weisen die zahlreichen
gewölbten Schalen mit außen gerieftem Fußteil (z. B. Taf. 25, C), die etwa im Raume Singen-
Buchau-Blaubeuren geläufig sind. Der seltene Spitzbecher (z. B. Taf. 6, D 5) hat ebenfalls
westliche Anklänge, doch zeigt schon die Variante mit Randauslappung (Taf. 3, D 3) eine lokale
Weiterentwicklung. Demgegenüber ist der rheinisch-schweizerische Einfluß mindestens in der
Keramik schwach. Formen wie Taf. 10, E 1 und 7, C 1 haben Schulterbecher-Reminiscenzen,
Taf. 13, C 4 hat eine Hutschale zum Vorbild. Allgemein vom Rheintal her sind rot überfangene
Gefäße mit Graphitwinkelzier zu erklären (z. B. Taf. 14, F 4; 18, A 3). Zwar gehört die benutzte
Gefäßform ganz zum Typenschatz der Kelheimer Gruppe, doch weist die Ziertechnik nach
Westen, wo sie schon in Hallstatt B eine reiche Entfaltung erfährt.
Sicher aus dem (erweiterten) Pfahlbaubereich stammen eine Reihe von Bronzen: So die 6 Eikopf-
bezw. Pfahlbaunadeln mit Halbkreisverzierung (z. B. Taf. 7, D 16), die rund 1 Dzd. kleinen
Vasenkopfnadeln mit gerippten oder gravierten Schäften (z. B. Taf. 28, F 3. 4), wahrscheinlich
die beiden Messer mit zylindrischem Zwischenstück (Taf. 17, F 6), der gerippte Armring mit
kleinen Stempelenden (Taf. 12, H 3), endlich vielleicht Ringketten (Taf. 19, C 3) und Knebel
(Taf. 3, D 9. 10).
Gegenüber diesen offenbar recht kräftigen Verbindungen zum Westen wirken solche nach Osten
und Norden vergleichsweise schwächer. Zu der schon von Eckes herausgestellten ,Attinger Gruppe'
im Raum von Regensburg dürfte der Becher Taf. 8, H 4 gehören. Der weichbauchige Doppelkonus
Taf. 10, G 6 zeigt Anklänge an einen wichtigen Urnentyp im oberpfälzischen Raum der Knovizer
Gruppe. Aus nordöstlicher Richtung werden auch die Turbanrandschüsseln Taf. 8, H 2 und 29,
B 1 angeregt sein, östlich wirken auch amphorenartige Formen, meist ohne Henkel, mit senk-
rechter enger Riefung (Krafts ,leicht gerillte Ware') z. B. Taf. 8, B 3; 27, D). Gleichfalls mit
Amphoren verwandt sind Kelheimer Enghalsurnen wie Taf. 22, F 5 oder wie 2, C 2. Das Auf-
treten von Votiv-Feuerböcken auf einer Tonscheibe (z. B. Taf. 15, D 3; 20, D 3; 4, A 5)
erinnert daran, daß Kelheim Anteil an einer Grabsitte hat, die vor allem im oberpfälzisch-
böhmisch-schlesischen Raume ihre stärkste Verbreitung besitzt und die sich hier bis in jüngere
Perioden erhält. Unter den Bronzen, die nach Nordosten weisen, sind zu nennen: Gerippte
Nadeln wie Taf. 3, B 8, die in Böhmen häufig sind und die einen recht alten Eindruck machen.
Großköpfige Vasennadeln, meist mit Winkelzier (z .B. Taf. 10, G 9; 17, D 1. 2), die von Böhmen
bis ins ostalpine Gebiet streuen. Zu einer sicher nordöstlich beheimateten Fibel gehört die Nadel
Taf. 1, F 1, wobei der Typ nicht exakt zu bestimmen ist (Spindlersfelder Typ?). Sicher süd-
danubisch-tirolisch sind 5 Gürtelhaken (z. B. Taf. 7, D 10), Nadeln mit Linsenkopf (Taf. 22, C 4)
und vielleicht auch die in Kelheim häufigen gerillten Blechbandringe (z. B. Taf. 25, A 2—3).
Auch einige Unika hat das Urnenfeld geliefert. Noch immer unerklärt ist der schon von P.
Reinecke besprochene Buckel mit Stangenfortsatz (Taf. 25, F 9), der in 2 Exemplaren vorliegt
und der im Pfahlbaubereich gewisse Parallelen besitzt. Beachtlich auch der 29 cm lange Bronze-
gürtel mit Kreisaugenzier (Taf. 25, A 1), der wohl in bronzezeitlichen Traditionen wurzelt.
Erwähnenswert schließlich die Radanhänger (Taf. 26, G 3. 4), die in Münchner Gräberfeldern
Vergleichbares finden. Eisen kommt spärlich vor, ohne indes eine Rolle zu spielen.

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