Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

DOI chapter: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0116
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
- Dke Nachtigalken öer Lr'fewtte

^ - Lon KomaL Martm LauL

' ^ AeLer dem Schlafkcrbinett der Herzogin ElisaLeth Lharlotte von

Orksans lasteten die schweren Schat'Len der früh hereingebrochenen De-
zembernacht. Die ehrwürdig^ Ereisin aus dem Geschlecht der Psäl-
zer Kurfürsten lag seit einigen Tagen an schwerem Nervenfieber dar-
nieder. Vor kurzenr noch hatte sie den Feierlichkeiten zu Neims beige-
wohnt, wo ihrem Urgrotzneffen Ludwig XV. die Krone Frankreichs
aufs junge Haupt gesetzt worden war. Bald darauf war sie, müde und
abgespannt von allem Prunk und Lärm, nach St. Cloud zurückgekehrt,
und in der Stille des Schloffes unid des winterlich kahlen Eartens
war die Krankheit wie ein reißendes Tier über fte gekominen.

Nuhelos wanderten die blauen, einst so strahlend lichten Augen
der Pfälzer Liselotte durch das kleine Eemach. Wo war sie eigent-
lich? Was hatte fte hiex in dem fremden Frankreich, unter den ihr
feindlich gesinnten Menschen zu tun? Warum war sie nicht lieber im
Schloff zu Heidelberg bei ihrem Vater Karl Ludwig oder noch beffer
im kleinen Schwetzingen, wo das lustige Völkchen -er Nailgrafen und
Naugräfinnen herumtollte und Frau von Degenfeld, ihres Vaters
zweite Eemahlin, die sützen Honigbrote und die noch sützeren Kuchen
für die jungen Leckermäuler bereitstellen lietz?

Dis todkranke Frau versuchte. den Kopf aus den seidenen Kiffen
zil heben, und spähte zum Armleuchter hin, auf dem fünf goldgslbe
Wachskerzen unruhig flackerten. „Liebe Ratsamhausen. seid Jhr an-
wesend?"

Das alte Hofftäulein fuhr aus leichtem Halbschlaf empor.
„Meine gnädigste Herrin Lefehlen?"

„Ich Litte, meinem Herrn Sohn, dem Herzog v. Chartres, sagen za
laffen, er rnöge meiner Krankheit wegen sich nicht nach St. Cloud be-
mühen."

„Haben Eure Durchlaucht sonst noch Befehle?"

Liselotte besann sich ein Weilchen. Endlich. schon fast im Gin-
schlummern, cmPfahl sie der alten vertrauten Freundin die Pflege
ihrer acht kleinen Hunde an. „Und dann noch eins, meine Liebe, ver-
getzt mir die Nachtigallen nicht . . . die lieben Nachtigallen . .

Als Fräulein von Ratsamhausen verwundert näher trat, um
weitrre Erkundigungen nach dem letzten Befehle einzuholen, hatte
die greise Herzogin sich wieder in die Kiffen geschmiegt und die tief
in den Höhlen ruhendes Augen geschloffen. '

Im Zimmer war es ganz still. Nur das Knistern der Kerzen
im Leuchtsr und dann und wann ein fauchender Windstotz, der im
Kamin schauerte, unterbrachen die Ruhe.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Liselotte HLrte es ohne Ver-
wunderung un.d wandte das Haupt dem späten Besucher zu. Sah sie
recht oder träumte sie nür? Vor ibr in jugendlicher Frische und
lachenden Augen stand Karllutz, der Sohn Luise von Degenfelds unL
ihres Vaters» ihr .alter Schwetzinger Spielkamerad.

„Ist's möglich. Karllutz, Du kommst zu mir? Und heuts gerade,
wo ich sterben mutz?"

Der junge Raugraf schüttelte den blonden Lockenkopf. „Ster-
Len, Liselotte? Was, sprichst Du für Unsinn! Weißt Du denn nicht, wo
Du bist."

„Zch denke, in St. Cloud!"

„Hllh was, schau Dich doch um? Siehst Du nicht .druben die
S'chneckentürme des Schloffes und zwischen ihnen die Holzgalerie? Ich
denke, das kennst Du!"

Lisslotte machte^ie Augen auf, so weit es ging.. Richtig, da
stand ja das Schwetzinger Schlöffel im Frühlingsgrün uralter Linden
und Vuchen. Und dicht nebcn dem mürrisch-alten Bau rauschte der
kleine Bach, an dem sie so oft geseffen, wenn die Bauern von Ofters-
heim kamen, um mit des Kurfürsten ftöhlicher Tochter zu schwatzen!

Karlüitz trat näher. „Hier, Liselotte, das schickt Dir die Mut-
ter." Mit aller Vorsicht hob er ein bändergeschmücktes Körbchen em-
por und hielt es ihr hin. Ein sützer, unendlich zarter Duft schlug ihr
entgegen und weckte licbe, ferne Erinnerungen

„Das sind ja. Karllutz . . ."

„Natürlich, Du Närrchen. Schwetzinger Veilchen! Und alls im
E'arten gepflückt. Und hier die drei roten. gelben und grünen Eier,
die sendet die Amelise der kleinen Schwester!"

Liselotte glühte vor Freude. Schwetzinger Veilchen und deut-
sche, echt deutsche bunte Eier! Wie lange hatte sie beides nicht mehr
gesehen! Rings an den Hecken im Schwetzinger Earten und drautzen
im Hardtwald nach Ketsch dufteten die blauen Blünuhen schon An-
sang März, kaum datz der Schnee von den Aesten gefallen war. Und
wenn das Fest der Auferstehung kam, steckten der Kurfürst und die
Frau von Degenfeld die Eier zwischen die blaue. duftende Pracht. und
das Naugrasenvolk samt Liselotts Lekam rote Bäckchen vor lauter Su-
chen und Nichtfinden?

Eine laute Stimms unterbrach ihr jauchzendes Elück

„Karllutz, wo bist Du?"

Er antwortete nicht. An seiner Stelle stand eine alt-ernde Frau
vor ihrem Bett und Llickte unverwandt aus harten, schwarzen Auaen
die Nuhende an. Ein leichter Schauer durchrieselte Liselotte. Was
wollte die Maintonon von ihr? Diese Frau, die sie mit allen Fasern
ihres Herzens verachtete. und die sich nie dazu hatte verstehen wollen,
in ihr die Dame aus altfürstljchem Geblüt anzuerkennen?

Madame de Maintenon mochte Liselottes Eedanken erraten.
„Sie haben nur noch wen'ige Minuten zu leben. Madame. wir wissen
es. Clauben Sie immer noch. mir schaden zu können?"

?" Seltsam, wovon sprach die Frau? Ludwig XIV. MasesLLt ruhke
ja längst im Grab; der einstrge hätzlichL Gegensatz zwrscheu itzr unv
der Eeliebten des Königs war doch o.hne jeden Belang. Warum störte
die Matntenon sie also in ihrem Eespräch mit Karllutz?' ,^ch wützte
nicht, Madame, was Sie mir zu sagen hätten," gab sie mit kühler
Eelaffenheit zurück. k

Die Dürintenon legte die ringgeschmückte Rechte um den Futz
des am Bett stehenden Leuchters, .datz die Kckrzen unter dem harlen
Eriffe zu zittern begannen. „Ich aber weitz es, Madame! Sie haben
jcderzeit versucht, sich zwischen den gnädigsten König und mich zu
stellen. Wenn man gleichwohl die laTrdfremde Pfälzerin an unserem
Hof geduldet hat, so war das eine Gnade. worauf selbst die Herzogin
oon Orleans keinerlei Anspruch hatte."

Messerscharf fielen die Worte vor Liselotte nieder. Iedes sollte
den Stolz her deutschen Fürstentochter oerletzen. Liselotte kannte die
Art der alten Feindin. So oft hatte diese, wenn auch oerstecktec
als heute, sie zu.Widerspruch und Empörung zu reigen versucht, um^-
dann mit ihren Damen sich über die „wilde Deutsche" lustig zu ma-
chen. Nie war es ihr gelungen, auch jetzt sollte es ihr nicht. glücken.
Ein sonniges Lächeln aus besseren Tagen glitt über Liselottes müdes
Cesicht, als sie die Eegnerin zum Kampf bereit sah. „Madame, Sie
rcgen si.ch vergeblich auf. Zch fühle weder Zhre Vorwürfe. noch Ihre
Schmähungen. Eehen Sie ruhig in Jhre Kreise zurück, bei deTien
Sie mehr Verständnis für Ihre Denkart finden . . ."

Es war gesagt. Der Adel dcs Blutes hatte wieder einmal über
niedere Eesinnung gesiegt. Was kümmerte Liselotte jetzt noch die
herrische Frau, die wie ein Schatten vor ihr aufgestiegen war, um sie
zu kränken? llnd müde wie vor einem langen Schlafe neigte die
kranke Fürstin ihr Haupt zur Seite. Sie wollte nicht mehr an Böses
und Widerwärtiges denken. Nur Frieden wollte sie haben und im
Frieden sich ihrer vcrlorenen Heimat erinnern . . .

Horch, läuteten nicht die Elocken? Ltselotte lauschte. Das
summtc und Lrummte durch ihr kleines Eemach wie einst zur Psingst-
zeit, wenn vom Turme der Heiliggeistkirche zu Heidelberg die Glocken-
stimmen sangen und Meister Schäffer am Spieltisch die Orgel auf-
brausen ltetz. And immer heller, immer jubelnder mischten sich we-che
Flötentöne und tebendes Schluchzen in den überirdischen Klckng. llm
Liselottr versank die Welt mit ihren Wundern und Schmerzen. Sie
Ll:üte in stiller Veisonnenheit hinein in ein wäldergrünes Land. in
das Zauberreich ihrer Kindheit. in die klingende. fröhliche Pfal».

llnd wirklich. dort drüben hinter dem Vach. der serne Waffer
gefchwätzig zum Neckar trägt, tauchen von neuem die SchwcZinger
Cchloßtürme auf. Ein Paar steht am Fenster des Irittelbaues und
winkt mit schneeweitzen Tüchern nach ihr. Sie eilt herzu und er-
kennt den Vater und Luise von Degenfeld, die ntzn aus dem dunk»en
Schlotztor treten und sie an den Händen nehmen. Und nnr lhnen
kommen die Kinder, der ftöhliche Karllutz, der derbe Karl Moritz. die
schlanke Ameliese und alle die anderen Rangrafen und Raugräfinnen
mit Dlumen in den Händen und Liedern auf den Lippen. ^

Es dämmert bereits. und beim Konigstuhl steigt der Mond
auf. rund rdie ein Kürbis und sttahlend wie eine Laterne im Schlotz-
hof zu Heidelberg. Durch Lie Lindenalleen des Eartens zieht dle
muntere Schar und weiter gegen den Wald, der seine schwarzen llrme
üis an den Schlotzpar? reckt. Da werden die Kinder still und orangen
stch näher an Vater und Mutter. Und in das plotznche
Schweigen klingi wieder der tiefe, schluchzende Ton, klingt aus uno
bricht ab. um in neuem Wohllaut sich zu ergietzen.

„Hörst Du. Liselotte? Die Schwetzinger Nachtigallen. Nrc-
gends schlagen sie doch so schön und so rein. wie bei uns." ,

Die Naugräfin Luise hebt Liselottens klemen Korper hoch aus,
damit das Kind die näckitlichen Sängerinnen beffer vernehme.

Neben ihr steht der Vater im schmucken IagLgswande und zergt
mit dcr Hand nach der tausendjährigen Lrnde.

„Dort oben sitzen die Vögel und singen .. .

Liselotles Herz hämmert in heigen Schlagen gegen die Brust,
alles in ihr ist Elück und SLligkeit. ^ "

„Die Nachtigallen ... Die lieben Nachtigallen - - -

Wie zitternde Sehnsucht klang es durch das Zrmmer .der ster-

Fräulein von Ratsamhausen eilte herber und fatzte besorgt der
Herrin Hand mit zärtlichem Druck. ^ o«

„Enädigste Frau. befehlt Ihr den Arzt? Kann rch Euch helfen?
Liselotte schaute die Freundin verständnislos an. ^zhr blaues
Auge glühte im letzten Feuer. ihre Brust hob und senkte sich rn tieser

Vewegung.^ ijebe Ratsamhaufen, vergetzt mir die

Pfmgst-Nachtigallen nicht, gelt, ich Litte . . ." ^_

Sie schlotz die Augen. Und das Lled der Schwetzrnger Sangerin-
nen begleitete ste aus der Fremde in die ewige, Llühende Heimat.

Gedanken / Wilhelm Weigand

Man soll den Gedanken wie eine Schaumünze prägen und dem
Eefühl die Unbestimmtheit des Duftes laffen.

Wer das Ideal erfüllt. ist mehr als Idealist
Der Künstler schafft, auch wenn er urteilt






^ ^ R' ^ ,s S' o ^ M

- s'F»


.F^



'b-D' ^ K

Dle badischen Dichter Gött und Burte

Von Frih Droop

I.

6^otze Brennpunkt, in dem Lie geistigen Strahlen der bei-
oen Drchter sich treffen, heitzt NLetzsche; die erhabene Patenschaft
dieses Erotzen hat sie.zu Vrüdern gemacht. Es soll hier nicht ver-
sucht werden den ernen gegen den aridern abzuwägen, o.der — was
eben slr unkünstlerisch wäre — die dichterischen Potenzen der beiden
solche zu vergleichen und etwa noch mit Emil Strautz in Pa-
rauele zu stellen. Jeder von ihnen ist von Anfcmg an ein gcmzer
Kerr gewesen, und was sie zu einem sesten Dreigestirn verbindet, ist
dm Kampflust, mit der sie gegen alle knechtisch-lichtscheue Schulfuch-
serei zu ^-elde gezogen sind, um einem freien höheren Menschen-
/tum zu dienen. Es sind Renaissance-Naturen, Apostel -es Auf-
und als solche Verfechter eines gesunden Individualismus.
Der alteste von ihnen. der vor elf Iahren gestorbene Emil GöLt, hat
suy emmal, als „ein Amphibium zwischen gestern und heute, als ein
^wischefiwesen, eine Stufe dcr Zukunft" bezeichnet. Er wollte kein
gedankc-nloser Mitläufer jener Vielen — Allzuoielen sein, denen das
unoerstcmdene Wort vom Ilebermenschcn ein Freibrief sür ein üöer-
yebendes .^errenleben" geworden war. In Eött tönte Nietzsches
Lehre als der stolze Imperativ der Pflicht, sich felber vor- und
ausivarts zu entwrckeln, sein Mannes.dasein remer zu gestalten. Das
»eben war ihm nrchts anderes als „der Weg, um etwas zu werden",
und ob dieser Weg über dornige Pfade und rauhe Klippen führte:
^r eiusame Wanderer hat sein Kreuz getragen ohne Eroü. Wenn
^ott fein El-end wirklich jemals spürte^ so geschah es aus Hunger
und Durst nach .dem Schönen. Er war ein neuer Prometheus, Den die
hcrrliche Glut seiner Seele davor bewahrte, aus Ekel vor dsr trü-
gerischen lPelt in Verzweiflung zu enden, der Lie Kraft besatz, das
tausendsach gesährdete Leben mit titanischen Armen in ein schöneres,
lichteres Dasein zu heben.

Es gibt ein ungeschriebsnes Kapitel, das von den Heiligen der
LiteraturLeschichte handelt, von dan grotzen Kilidern und unbeirrten
Idealisten, den Märtyrern der Reinheit und Sittlichkeit ihres Wol-
ttns. Peter Hille war ein solches Kind, Hemrich K l eist ein sol-
cher Kro'n- und Blutzeuge seiner himmelstürmenden Gedanken. Es
kennte grotesk wirken, Hille und Kleist in einem Atem zu nennen,
wenn sich ihre positiven Kräfte in dem Kuriosum Emil Gött nicht
eng verbrüdert hätten. Zn Eött kreuzten sich realisttsche u. romantische
, intellektLlelle und Eefühlsmomente, dio von einander so wenig zu
tteniren sind, wie der Dichter und Philosoph Gött von dom Erfinder
und Bauer. Sie Lildeten trotz aller scheinüaren Wihersprüche eine
harmonische Eanzheit, eine seelische Totalitat. und diese EinLsit war
,stark günug um sich nach einem durch Ceroantes angeregten von kösl-
licher Laune sprudelndsn Lustspiel („Der Schwarztünstler") in drei
^ grotzen Dekenntnisdichtungen „EdelwilÜ" „Mauserung" und „Fortuna-
rcur Bftz", triumphierend ausw'.rten zu können. Leben und Leiden
war ihm ein lustvolles Spielen der Kräftt, und es ist nur zu beklagen,
datz es Eött oersagt geblieben ist, sich in einer Komödie über alle drük-
- lenden Sorgen des Daseins zu erheben. Er wäre vielleicht berufen
. gewesen, die Tragikomödie des Idealismus zu schreiben.

^ „Fortunatas Bitz" hat das Problem der Ehe eine bis dahin

ungekannte Behandlung ersahreir; nie ist die Seele des Weibes mit so
zurter Schonung erfühlt worden, wie durch diosen leidenden Frauen-
Lob. Er wutzte, was einem MLdchen unter hundert Kurmachern der
Mann bedeutct, der E r n.st macht. Wahrlich, es ist schwer für einen
Mann, es von sich aus zu empfinden. „Von ihm crus ist in den mei-
sten 'Fällen.das Mädchen, mit dem er Ernst macht, ein Abschlutz, dle
letzte einer mehr oder weniger langen Reihe; der Mann aber ist dem
Weibe ein Ansang, wenn nicht der Begrnn. Das Weib ist surcht-
Lar daran; es darf sich nicht bedingungslos dem Manne hingeben,
der nach ihr verlangt, so mächtig er sie auch bewege und errege. Wer
' wägt also das Matz der Selbstbeherrschung und siHtet die verwirren-
Sen Cesühle eines reifen.Mädchens im Kreise anscheinender Licb-
haber? Wieviel Wiegen zertrümmert sie. wieoiel Träume trägt sie
zu Erabe?§ Und fällt sie — fallen! Himmel, noch ist kein Weib ge-
sallen, das der Mann hielt, der es fällte. An allem Frauenelend ist
!der Mann schuld, an feinem — das ihre. Es ist an keine Erhebung
der gegenwärtigen Menschheit auf eine höhere Kulturstufe zu denken,
ohne datz das Muttertum heilig gesprochen und ein Recht zu
ihm geschaffen wird, als deffen Hüter der Staat, als der gr 0 tze Va-
ter, sich ebenso ritterlich aufwirft. als er es Lis heute zu lächerlichen
Gunsten der lüderlichen Mannkerle nicht tut. Von dem Augenblick
an, der dem Weibe die Eattenwahl und die schöne Sicherung seines
, Muttertums gewährt, wird eine neue Aeone des Menschentums be-
L ginnen. oerglichen mit' der wahnwitzigen Barbarei. in der wir leben,
und deren wir, wenn die Zeichen nicht trügen, anfangcm, satt zu sein.
llnd in welch anderem Eleichmatz der Schritte wird es vorwärts und
aufwätts gchen können. wenn die eine Hälfte des Menschen nicht
mehr fallen wird, sou-ern — wälilen kann! Wohl dann und auch
wehe! wche und wohl dem Manne!" — Eött wollte damit der Men-
schenzukunft kein '„himmelblaues Prognostikon" gestellt w'.ssen. Die
Sig.natur der Welt und des Lebens sollte nach wie vor ein unendlicher
Plccn sür jede Lebensmö g l i ch k e i t und eine ewige, in allen letz-
ten Entscheidungen erbarmungslose Schlacht um die Lebenswirklichkeit
blc-iben. Dieser Kriegszustand wird immer herrschen, auch zwischen
Mmn und Weib und ü m Mann und Weib. Aber Emil Eött wollte

ben Kampf in schöneren Formen haüen, ohne Brutalitäten und Feia--
heiten, und endlich ohjne Masken.

Emil Eött hat in Nietzsche immer den Lehrer der Menschheit
gejehen, dem das Beste vom Menschen zufliegen werde. Nietzsches
ganze Entwicklung erschien ihm als ein Vecher der Labe, den er in
tollem Durst nrcht mehr von den Lippen brachte'. „Ich trinke dieses
Leben, Liesen Menschen. und bald atme ich chn auch. Das erscheint
mir als dte größte Schuld meines Lebens. datz ich nicht zu den
Futzen dieses Lehrers geriet, als es noch Zeit war, in der zweiten
Halfte der achtziger Iahre." Co heitzt es in seinem ekstatisch lodern-
den Tagebuch. Aber selbst die Intensität seiner geistlgcn und seeli-
schen Ecmeinschastsgefühle konnte Gött nicht um den Stern der e i g-
nen Drust betrügen. Damit hat er die echte Nietzsche-Iüngerschaft
am Lcsten bewiesen. Vor allem aber hat Eött versuchl; Nretzschcs
Lehrr zu leben und den Weisen von Sils Maria durch sein Han-
deln mit der Welt Tolstojs zu versöhnen. So kam 'es. datz er sich ver-
bluten mutzte.

II.

An Hermann Burte-Strübe vollzieht sich ein fteundlicheres
DeschicL als an dcm Dichter des „Edelwild". Noch vor dsr Schwelle
zu seinem 40. Lebensjahre krönte ihn der Erfolg; die besten Bühnen
des Landes führeu seine Dramen auf, und selbst seine badischen
Landsleute fangeu an. 'in ihm einen lebendigen Dichter zu ehren.
Von besttmmendem Cinflutz auf Burtes cieistige Entfaltung wurde
eine 1904 mit dem Crafen Friedrich Franz von Hochberg unternom-
meue Reise nach England, die ihm den Blick für eine wahrhaft na-
tionale Kultur öffnete. Was in Deutfchland verkümmerte, sah er
dort gesteigert, und er scheute sich nicht, schon vor 10 Jahren eine Be-
hauptung auszusprechen, die heute billig wie Brombeeren ist'. Datz
wir Deutsche Ler politischen Begabung ermangeln oder — um ejii
Wort von Thomas Mann in seinen „Betrachtungen e ines
Unp 0 l 1 tischen" zu gebrauchen: „Datz die Politik für den Deut-
schen fremd und giftig sei, weil wir zu schr das Land dcr gcographi
schen. sozialen uud seelischen Mitte sind." Die Zeit in England ver-
mittelte dem wissens- und lebenshungrigen Alemannen den tiefsten
Eindruck der Elisabethischen Epoche, in Ler er die grotzte Hochzüchcung
des germanischen Typus der Renaiffancezeit sah. Für unsere heuti-
gen Begriffe sind Frauengestalten von einer so großartigcn Kuttur,
getragen durch bewußt nationalen Ceist, in der Tat unsatzbar gewor-
den. Es folgten zwei Zahre in Paris und Frankreich, wo sich den
Shakefpeareschen Idealen die Cötter Balzacs, Baudelaires. Rabe-
lais und Richepins gesellten. Ste kennzeichnen die erotische Periode,
deren Burte zu. seiner Menschwerdung und Reife^ bedurfte ünd schlie-
tzen den Ring der Erlobnisse und Enttäuschungen, die den Hauptge-
danken seines Romans „Wiltfeber" weckten, der 1911 inderSchweiz
seine künstlerische Form erhielt. Hier wirkte'dcr feinsinnige, in fran-
zösisch.'r und deutscher Literatur gleich heimische Schriftsteller Karl
Aldrccht Bernoulli, der das viel besehdete Buch Nietzsche-Over-
beck gcschrieben hat, stark auf ihn ein. Aus jener Zeit datiert auch
seine Begeisterung für Ieremias Eotthelf, den er neben Bälzac.und
Dostojcwski für Len grötzten europäischen Schriststeller des 19. Iahr-
hunderts hält.

Das dichterische Schasfen Burtes teilt sich äutzerlich in die hoch-
deutsche und in die mundartliche Erzeugung. Burte hat erkannt und
nachgewiesen, datz die alemannische Mundart durch Iohann Peter
Hebel in ihren künstlerischen Möglichkeiten durchaus nicht erschöpst
ist un cr arbeitet seit Iahren an einem Werke, das — gleichsam als
Gegenstück zum holsteinischen „Quickborn" des Klaus Eroth — hen
Acarkgräflerkreis erschöpfend darstellen soll. Autzerdem ist Burte mit
eine'n alemannischen Wörterbuch beschäftigt, das d'en imgeheuren
sprachl'chen Reichtum seines Stammes spmmett. Burtes Lebensanker
ruht in der Liebe zur Heimat. „Wenn die Hcimat trügt. verliert
das Lebeil seinem Sinn." Diese Erkenntnis ersüllt die Seele Martin
Wiltfebers. als^er nach langen Irrfahrten in die Heimat zurückkehrt.
Burte sieht in Wiltfeber mit Stolz eine bis ins Kleinste gelungene
Prophetin des Krieges, näinlich den Versuch Ereisenhofes, den sozia-
l'.stisch.'ii Staat hinter der kämpfenden Front einzurichten, den Konflikt
des Helden zwischen Verzicht und Begehren und die tragische Erund-
stimmung, bcdingt durch den stetigen Sieg im höheren > und den
Untergang im mechanischen Sinne. Wir wollen es Ri-
chard Dehmel nie vergeffen, datz er von Anfang an für Hermann
Lurtc cingetreten ist und die Kleiststiftung veranlatzt hat, den Rv-
man „Wiltfeber" mit dem Stiftungsprcise zu bedenken.

Dor zehn Iahren trat Burte mit drei Einaktern „Der kranke
König" „Donna Ines" und „Das ncue Haus" zuerst an die Oeffent-
lichkeil. Vesonders das zweite Stück. eine von Lcidenschaft erfüllte
spanische Liebesgeschichte, lietz von dem jungen Dichter Erotzcs erwar-
ten, und als fünf Iahre später im Mannheimer National-
rheater das Schauspiel „Herzog Utz" aus der Taufe gehoben
wurds, sah man erfreut, datz der Dichter nicht zu viel versprochen
hatte. Seine starke Eigsnart. dis plastisch-markige Sprache, der
cifernde Feuergeist und die elementars Impulsivität der Gedanken tra-
tcn ebenso bestimmt hervor, wie die feste Struktur der Szenen und die
scharfe Strichmanier bei der Charatterzeichnung. Die Entwicklungs-
linic läuft dann über zwci Sonettenbände („Patricia" und „Die
Flügelsvielerin") zn dem Drama „Katte". das aus dem Bedürfnis
goboren schicn, den theatralischen Aufputz. mit dem Eutzkow in seincm
Drama „Zopf und Schwert" d'.e Gestalt Fnedrrch Wilhelms I. deko-
liert batte. durch einc auf thre tieferen Menschlichkeitswerte geprüfte
Verkörperung des Preutzenkönigs zu ersetzen.
 
Annotationen