Bartholomae, Christian [Editor]
Die Universität Heidelberg ihren Toten des großen Kriegs zum Gedächtnis: 16. Juli 1919 ; [Akademische Trauerfeier in der Universitätskirche] — [Heidelberg], [1919]

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Möglichkeiten. Nebeneinander standen die starken Naturen, die auch im Kriege die
Stimmung von Dürers Ritter Tod und Teufel niemals verliess, und jene Beseelteren, in
denen alle Träume deutscher Innerlichkeit mitschwangen; die bewussten Nurdeutschen
und die in allgemeineren Zusammenhängen empfanden; die Gläubigen und die Zweifeln-
den; die traditionell Gebundeneren und die radikal Suchenden; diejenigen die in Farben
und Schlägern die historischen Symbole akademischer Daseinsfreude hochhielten und
jene freideutsche Jugend, die in Zusammenkünften auf den Waldbergen enthusiastisch
um ein neues Gemeinschaftsideal rang; und mitten unter ihnen allen die geistig Be-
weglichsten, die schon eine Hoffnung ihrer Wissenschaft verhiessen. Sie alle erschienen
mit einem Schlage unter einem Zeichen vereint: armis et litteris ad utrumque parati,
wie es in den Studentenbannern des dreissigjährigen Krieges hiess. Jetzt waren sie
alle wahrhaft Kommilitonen geworden, wie mancher wähnte, nur für einen glücklichen
Feldzug, dann aber für ein Jahr nach dem andern, für einen vollen Abschnitt ihres
Lebens, nur allzuoft für den Rest ihres jungen Lebens.

Wie sprechen ihre Stimmen noch heute zu uns in ihren Briefen aus dem Felde,
diesem unvergänglichen Denkmal deutscher Hoffnungen, als die Not des Erlebens sie
reifte, und nun alle Schätze ihres Innern, die manchmal noch verdeckt und unentwickelt
dagelegen hatten, aus ihnen herausholte: mitten in der Rohheit des Krieges eine wunder-
volle Erscheinung. Um wie viel reicher und vielstimmiger klang dieses Instrument als
etwa im Jahre 1870, weil das Schicksal gewaltiger geworden war und doch auch weil
die Menschen mit ihm gewachsen waren. Und stehen sie nicht, als wenn es gestern wäre, vor
uns, wenn sie feldgrau und im Schmuck ihrer Ehrenzeichen, gebräunt und elastisch, im
Urlaub uns gegenübertraten, in den todgewohnten Gesichtern einen Ernst über ihre
Jahre, Männer geworden und als solche einherschreitend? So waren sie der Stolz
ihrer Lehrer, von einem Leben gebildet, in dem alle Unterschiede der Klassen und
Meinungen dahinschwanden: und s i e lehrten uns, dass Tod und Leben mächtiger sind
als Erkennen und Wissen. Sie machen noch heute jeden bescheiden, der im Namen
deutscher Jugend das Wort ergreift; sie werden vielleicht auch noch einmal unseren
Feinden sagen können: wer wir eigentlich sind und auch in diesem Kriege waren.
Und wenn sie dann nach kurzer Atempause die heimatliche oder die akademische Luft
genossen, womöglich gar ein Kriegsexamen abgelegt hatten, dann sahen wir sie wieder
hinausziehen, voll jenes Glaubens, der auch deH Zweifelsüchtigen eine Verheissung war
und uns seither abhanden kam, zum ersten, zum zweiten Mal, immer von neuem und
eines Tages für immer; und wenn sie auch ernster und kritischer, manchmal auch
wohl müder wurden, treu bis zuletzt. Diese 473 aber, die nicht zurückkehrten, sind
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