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Bartholomae, Christian [Editor]
Die Universität Heidelberg ihren Toten des großen Kriegs zum Gedächtnis: 16. Juli 1919 ; [Akademische Trauerfeier in der Universitätskirche] — [Heidelberg], [1919]

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https://doi.org/10.11588/diglit.4274#0018
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Ansprache des Vertreters der Studentenschaft

Gustav Mittelstrass, cand. phil. aus Weinheim.

Seele, vergiss sie nicht,

Seele vergiss nicht die Toten!

Siehe, sie umschweben dich,

Schauernd, verlassen,

Und in den heiligen Gluten,

Die den Armen die Liebe schürt,

Atmen sie auf und erwarmen.

Uebermächtig wird in dieser Stunde der ernsten Zwiesprache mit den Geistern
unserer Toten die Erinnerung an die Tage und Stunden vor Kriegsausbruch: Wie wir
uns da enger aneinanderschlossen unter dem Druck der unheimlichen Gegenwart und
der Ahnung kommenden furchtbaren Geschehens. Wir drängten uns in die schwülen
Hörsäle und folgten gespannt unseren Lehrern, wie sie die Brücke schlugen vom
Gegenstand der Vorlesung hinüber zu dem, das aller Herzen bewegte. Als dann der
rote Mobilmachungsbefehl an den Mauern die unerträgliche Spannung löste, da straffte
sich etwas in uns, jede Unsicherheit und jeder Zweifel fiel von uns ab. In heiterem
Ernst reichten wir uns die Hände zum Abschied. Jeder wusste, was er zu tun hatte:
er stürzte sich in den Strudel des Krieges.

Wenn ihm dann nach Wochen und Monaten ein Auftauchen beschieden war,
und er sich irgendwo in Feindesland im Graben, an Bord oder in der Kasernenstube
seiner Garnison wiederfand, da war die alte Arbeits- und Lebensgemeinschaft der
Heidelberger Semester zersprengt. Nur selten hörte man hie und da im Laufe der langen
Kriegsjahre voneinander. Immer häufiger geschah es, dass unserm Fragen die Antwort
wurde: „Gefallen". Und als wir schliesslich den feldgrauen Rock abgelegt hatten und
zurückkehrten zur alten Stätte der Arbeit und Freude, da fanden wir eine andere Ge-
neration vor, die die Hörsäle füllte. Da drängte mit furchtbarem Weh sich uns die ganze
Grösse unserer Verluste auf. Doppelt schmerzlich empfanden wir sie, weil der Ausgang
des Krieges ein furchtbares Wort darüber zu schreiben schien: das Wort „umsonst".
 
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