Becker, Robert; Bastianini, Giovanni [Editor]
Die Benivieni-Büste des Giovanni Bastianini: zur Geschichte der Fälschungen ; Vortrag im Wissenschaftlichen Verein zu Breslau — Breslau, 1889

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Porträt eines Mannes gestellt, den er bisher nur aus
seinen Werken kannte, aus demselben einen Eindruck
gewinnt, welcher den Erwartungen und Schlüssen
nicht entspricht, die aus jenes Mannes AVerken un-
willkürlich auf seine körperliche Erscheinung ge-
zogen wurden. Die Benivieni-Büste gehört nicht zu
dieser Klasse von Bildnissen. Widerspruchslos wird
ihr Betrachter die Behauptung vernehmen: So und
nicht anders hat in der That der Dichter der Canzone
von der göttlichen Liebe ausgesehen.

Seit dem Jahre 1542 zählt G. Benivieni zu den
Todten. Die ersten Nachrichten über sein Terracotta-
Brustbild sind reichlich dreihundert Jahre jünger.
Sie gehen zurück bis in das Jahr 1864. In diesem
Jahre verkaufte der Kunsthändler Freppa in Florenz
die Büste an den Pariser Kunstfreund und Sammler
M. de Nolivos. Letzterer, welcher für einen Mann
von gründlichen Kenntnissen in derartigen Dingen
galt, erwarb das Kunstwerk für den Preis von 700
Frs. und brachte es nach Paris. Hier wurde die Büste
im engeren Kreise der Freunde des Besitzers, zu
denen mancher wohlerfahrene Kunstkenner zählte,
sofort zuversichtlich als eine Schöpfung der italieni-
schen Renaissance-Sculptur angesprochen.

Im Sommer und Herbst des Jahres 1865 wurde
in den Räumen des Industriepalastes zu Paris eine
exposition retrospective veranstaltet. Nolivos benutzte
diese günstige Gelegenheit, um seine neue Erwerbung
zur öffentlichen Besichtigung vorzuführen. In der
Mitte eines geräumigen Saales aufgestellt erregte das
Kunstwerk die Aufmerksamkeit der gebildeten Kunst-
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