Oheim, Gallus; Brandi, Karl [Oth.]
Quellen und Forschungen zur Geschichte der Abtei Reichenau (Band 2): Die Chronik des Gallus Öhem: mit 27 Tafeln — Heidelberg, 1893

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Die Geschichtsschreibung der Abtei Reichenau.

wir Annales Augienses brevissimi 541—817 [MG. III, 136], eine Reichenauer Fortsetzung der
Annales Alamannici 802—858 und Annales Augienses 708—939 [bis 791 = Ann. Sangall. brev.],
welche Hermannus Contractus in seine Chronik aufgenommen hat; die letzteren enthalten kurze
Notizen über die einzelnen Abte, welche Ohem nach Hermann verwertet hat.

Ein selbständiger Abtskatalog wurde daneben bei Zeiten angefertigt; denn schon zu An-
fang des IX. Jahrhunderts besaß St. Gallen commemorationem abbatum qui in Augia fuerunt in 1
rodulo. Dieser Abtskatalog ist uns aber erst in einer nach den kurzen Beisätzen unverkennbar
St. Gallischen Redaktion des XIII. Jahrhunderts erhalten [MG. II, 37; XIII, 331]. Öhem zeigt
bezüglich der späteren Abte, welche Hermann nicht mehr umfaßte, ebensoviele Abweichungen wie
wörtliche Übereinstimmungen mit diesem Katalog, so daß er wahrscheinlich eine andere, Reichenauer,
Redaktion desselben Kataloges benutzt hat.

Ebenso stammen die älteren Teile des Nekrologs und des Verbrüderungsbuches aus dem
VIII. Jahrhundert. Wir besitzen beide, wie mehrere andere Quellen, in der zu Anfang des IX. Jahr-
hunderts angelegten Form. Die Regierungszeit der Äbte Waldo [786—806], Heito [806—822],
Erlebald [822—838], Ruadhelm [838—842] und Walahfrid [842—849] umgrenzt die erste Blütezeit
des wissenschaftlichen Lebens in der Reichenau. In dieser Zeit wurde die kostbare Reichenauer
Bibliothek gegründet und ihre Geschichte mit Stolz in mehrfachen Aufzeiebnungen verewigt.
Ein Teil derselben ist nur bei Ohem überliefert1). Reginbert stand ihr vor; er hatte ein rührendes
Verhältnis zu seinen Büchern, von dem seine Eintragungen in die Handschriften Zeugnis geben;
unermüdlich sorgte er für ihre Bereicherung durch Tausch und Schenkung; seine Mitbrüder trieb
er an zum Abschreiben, wie zu neuen Werken; nicht weniges verdanken wir seinem eigenen Fleiß.
Von den wichtigsten Büchern des Klosters wurden damals Prachtexemplare angefertigt: von der
Benediktinerregel [Karlsruher Bibliothek], vom Necrologium und vom Liber confraternitatum.

In dem Necrologium2) reichen die Eintragungen von der ältesten Hand noch bis zum Jahre
866; für die dem VIII. Jahrhundert angehörigen Daten müssen dem Schreiber ältere Notizen vor-
gelegen haben, denn die Sterbetage der Abte sind schon von 759 an verzeichnet [Sidonius, 4. Juli].
Später ist nur einiges, seit dem XIII. Jahrhundert nichts mehr eingetragen, so daß Ohem seine
wenigen nekrologischen Angaben aus jüngerer Zeit einer anderen Quelle verdanken muß3); vielfach
finden sich derartige Notizen an beliebigen Stellen älterer Reichenauer Handschriften.

Das Verbrüderungsbuch4) wurde unter Abt Erlebald angefangen; ältere Listen liegen
zu Grunde; denn entgegen dem Brauch stehen nicht selten Reihen verstorbener Brüder vor solchen
der lebenden. Bezüglich der Mönche und Wohlthäter des Klosters gieng man sogar bis auf die
Zeiten des Pirminius zurück5). Dem ältesten Schreiber von 826 folgte um 830 ein zweiter; noch
ein dritter und vierter lassen sich bestimmen; dann werden von verschiedenen Händen gelegentliche
Zusätze, auch größere Eintragungen gemacht — bis in das XV. Jahrhundert.

J) Vergl. unten p. 18, 13, 20. 36, 9. 37, 21. 38, 7. 39, 4. 40, 25. 41, 11, 28. 47, 22. 48, 6. 50, 8. Der
Reichenauer Bibliothekskatalog des vorigen Jahrhunderts in der Hof- und Landesbibliothek zu Karlsruhe.

2) MG. 4°. Necrologia, p. 271. Vorher Gerbert, mon. vet. lit. und Böhmer, Fontes IV, 141 (Auszüge) nach
dem Cod. Vindob. 1815 [A], Keller, Mitt. d. ant. Ges. Zürich VI, 37 (Facsim.) und ebenfalls Böhmer a. a. O.,
nach dem Cod. Turicensis [B; Abschrift, welche in Rheinau gemacht und später ergänzt wurde].

3) Vergl. p. [105, 25; 110, 34] 114, 33.

4) MG. 4°. Libri confraternitatum ed. Piper. Die H>- [Zürich, hist. 27] ist verstümmelt auf uns gekommen;
von ihrem ältesten Teil [1—135] können wir uns ein Bild machen, da die Quaternionen numeriert sind und ein altes
Inhaltsverzeichnis vorhergeht; der zweite Teil [135—165] besteht fast nur mehr aus einzelnen Blättern. Zum Ver-
brüderungsbuch vergl. auch Schulte, Mitt. d. Inst. f. österr. Gesch. XI, 123, sowie das Veroneser Verbrüderungsbuch.

5) Urk.-Fälsch. 103.
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