Die Bücherstube: kleine Mitteilungen aus der Bücherstube — 2.1922/​1923

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Oeösnken rum illustrierten schönen vuclie

Die Lust, ein Buch mit Bildern zu schmücken, ist fast so alt wie das Buch selbst. Die
Malereien in den wundervollen Handschriften des Mittelalters, den Psalterien, Evan-
gelarien, Perikopenbüchern, großen Dichtungen, haben die Bedeutung der höchsten
Ehrung des Wortes. Die ersten Buchdrucker übernahmen bald den Brauch der Illu-
stration. In den Holzschnittbüchern vor und um izw stand das illustrierte Buch aus
seiner Höhe. Ein Teil der Buchdruckerkunst erlebte es im Lause der Jahrhunderte
deren Schicksal, den Medergang, hier und da unterbrochen durch kurze Ausstiege,
bis zu den trostlosen Tiefen des illustrierten Prachtwerkes der siebziger und acht-
ziger Fahre.
Als die Erwecker der deutschen Buchkunst, Buchdrucker, Verleger und ihre Berater,
um die Wende des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts sich ihrem ersten Ziele,
dem rein typographischen schönen Buch die ihm gebührende Stellung wieder zu er-
ringen, nahe wähnten, da wagten sie den Versuch, dem strengen Bau eines Buches
Illustrationen organisch einzugliedern, bestrebt, Schrift und Bild in Eins, das schöne
illustrierte Buch, zu verschmelzen. Bald wurde der schmale Pfad empor gesunden.
Es gab Verirrungen, selbstverständlich, aber man betrachte die illustrierten Bücher
aus jener, uns fast schon historisch anmutenden Zeit, dem ernsten Streben und seinen
Erfolgen kann man die Bewunderung nicht versagen. Der Krieg unterbrach die ge-
sunde, verheißungsvolle Entwicklung des illustrierten Buches, die Folgen des Krieges
leiteten sie in die Breite. Vicht vorwärts brach sich der Strom in harter Arbeit das
tiefe Bett, den Schlamm am Boden niederschlagend, er strich seitwärts aus, über-
flutete und versumpfte mit trüben Wassern die Viederungen. Die allgemeine Ver-
flachung nach dem Kriege wollte es so. Da stehen wir nun. Der Zweck eines Buches,
gelesen zu werden, ist zurückgedrängt, der gedruckte Text zum - wohl oder übel -
notwendigen Beiwerk der Bilder herabgedrückt. Die Illustration, ursprünglich ein
Ehrenzeichen, wird zum Abzeichen, das Festliche zur alltäglichen Gewohnheit, der
Hermelin des Königskleides zum Straßenputz der Maitresse. Man will was sehen,
nur nicht selbst denken müssen; diese Sucht hetzt das Volk im weitesten Sinne (nach
unten und oben) ins Kino, aus der gleichen Sucht erklärt sich die Vorliebe des finan-
ziell Gehobenen (andere können sich den teuren Spaß nicht leisten), arm im Geiste,
für illustrierte Bücher. Vicht etwa zu deuten als eine Rückkehr zum Kindlichen, dem
DenkenundPhantasieanregendenBilderbuch,vielmehr als ein Auslauf zum Kindischen,
der vorkäuenden, geisttötenden „Illustration". An Trabanten, die dem Moloch die
Opfer zubereiten, fehlt es nicht, weder an Verlegern noch an Künstlern; einem, der
keinen Geschmack hat, etwas mundgerecht zu machen, ist kein Kunststück.
Es soll nicht geleugnet werden, daß eine kleine Anzahl von Verlegern, fußend auf
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