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Christlicher Kunstverein der Erzdiözese Freiburg [Editor]
Christliche Kunstblätter: Organ des Christlichen Kunstvereins der Erzdiözese Freiburg — 8.1869

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https://doi.org/10.11588/diglit.7147#0028
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Chriſt liche

KRunſtblätter

Organ des chriſtlichen Kunſtvereins der Erzdiöceſe Freiburg.
(Beilage zum Freiburger Kirchenblatt.)

Nro. 88.

Domine diloxi decorem domus tuae. Ps. 25, 8.

April 1869.

Ein Kirchenban des hl. Gregor von Unſſa

dokiſchen Stadt Nyſſa ſein Bauwerk aufzuführen beabſichtigte
und daß von hier aus er ſeinen Amtsbruder Amphilochius,
Biſchof zu Jkonium in der benachbarten Provinz Lykaonien,
um ſeine Beihülfe erſuchte. Jn der baumloſen Gegend, in
welcher er lebe, könne, ſagt er, an die Aufführung eines Holz-
banes nicht gedacht werden; deßhalb habe er ſich entſchloſſen,
ſeine Kirche mit Bruchſteinen und Ziegeln zu errichten; er be-
dürfe alſo keiner Steinmetzen, ſondern nur einiger ſolcher Hand-
werker, die des Gewölbebaues kundig ſeien, und nur einiger
weniger, die im Stande ſein würden, die erforderlichen archi-
tektoniſchen Ornamente herzuſtellen; dieſe Arbeiter ſolle Amphi-
lochius ihm aus der in ſeinem Sprengel anſäſſigen Völkerſchaft
der Jſaurier zuſenden.
Damit nun Amphilochius in den Stand geſetzt werde, dies
zn thun, legt ihm Gregor eine ausführliche architektoniſche Be-
ſchreibung des projektirten Kirchenbaues vor und gibt die wich-
tigeren Maßverhältniſſe deſſelben an, wornach der Freund die
auszuführende Arbeit abzuſchätzen wiſſen werde.
Die Grundform der Kirche ſoll ein Kreuz, jeder der vier
Arme ſoll eine Kammer (Kapelle) bilden; dem Kreuze ſoll ein
Oktogon eingeſchrieben werden; je vier der einander gegenüber-
ſtehenden Seiten des Oktogons ſollen eine Breite von 8 Ellen
erhalten und die Baſis der vorſpringenden Kreuzesarme bilden.
Für dieſe wird eine Tiefe von 12 Ellen vorgeſchrieben.
Die vier anderen Seiten des Oktogons ſollen die gleiche
Breite erhalten und von halbkreisförmigen Mauern umzogen,
die Zwiſchenränme zwiſchen den Kreuzesarmen ausfüllen.
Acht in den inneren Ecken des Oktogons zu errichtende
Pfeiler ſollen durch Bogen verbunden werden. Ueber dieſen
Bogenſtellungen ſoll ein Maueraufſatz (Tambour) von 4 Ellen
Höhe ſich erheben; jede der acht Seiten deſſelben ſoll von einem
Fenſter durchbrochen werden. Jn die von dem Zuſammentreffen
der Pfeiler gebildeten Ecken ſollen mit korinthiſchen Kapitellen
zu ſchmückende Sänlen auf ,,altarförmigen'' Baſen aufgeſtellt,
von einer Säule zur andern ſoll ein Bogen geſchlagen werden.
Da von dieſer letztern Anordnung es heißt, ſie ſolle ſowohl
zum Schmucke wie zur Feſtigkeit des Baues beitragen, ſo läßt
ſich unterſtellen, daß auch die Zwiſchenräume der zuſammen-
ſtoßenden Bogen durch Mauerwerk ausgefüllt werden und daß

Da die Urkunden, in welchen die Architekten des chriſtlichen
Alterthums ſelbſt in eingehender Weiſe über die von ihnen ge-
ſchaffenen Werke Rechenſchaft geben, überans ſelten ſind, ſo
wird die ausführliche, in dem folgenden Aufſatze erläuterte Mit-
theilung des berühmten Biſchofs und Kirchenlehrers Gregor von
Nyſſa über den von ihm entworfenen Plan einer Kirche ein
lebhaftes Jntereſſe bei unſeren Leſern beanſpruchen dürfen, und
dieß um ſo mehr, da die betreffende Urkunde von den bis-
herigen Behandlungen der chriſtlichen Kunſtgeſchichte unbeachtet
geblieben iſt. Dieſer merkwürdige Aufſatz befindet ſich in einem
Schreiben, welches der hl. Gregor an den ihm befreundeten
Biſchof Amphilochius von Jkonium richtete.
Der betreffende Brief des hl. Gregor wurde nebſt ſieben
anderen Briefen deſſelben zuerſt von J. B. Caraccioli aus
einer mediceiſchen Handſchrift zu Florenz herausgegeben. Abge-
druckt wurde derſelbe bei Galland, Bibliotheca veterum
patrum, tom. VI, p. 6B und neuerdings bei M igne, Patrol.
Graec. tom. XLV. Opp. S. Greg. Nyss. tom. II, col. 1093 sq.
Aus dem Jnhalte des Schreibens geht die Zeit, wann daſſelbe
abgefaßt wurde, nicht hervor; dieſe kann nur ungefähr beſtimmt
werden. Gregor beſtieg den Biſchofſitz von Nyſſa im Jahre 372;
Amphilochius nahm den Stuhl von Jkonium zwei Jahre ſpäter
ein. Allem Anſcheine nach waren Beide vor dem Jahre 403
verſchieden. Die Zeit, in welche der Kirchenbau des Erſtern
fällt, kann noch in etwa näher beſtimmt werden, wenn man
erwägt, daß Gregor, ſobald er mit der biſchöflichen Würde
bekleidet war, ſich unausgeſetzten Verfolgungen preisgegeben ſah,
ſeine Gemeinde verlaſſen mußte, deren Verwaltung im Jahre
376 einem Arianer übergeben wurde. Erſt nach dem Tode des
Kaiſers Valens, als von Gratian, der die Regierung des
Morgenlandes übernahm, die katholiſchen Biſchöfe nach ihren
Sitzen zurückberufen wurden und Gregor unter allgemeinem
Jubel nach Nyſſa heimgekehrt war, konnte er in ungeſtörter
Weiſe ſeiner Amtsführung ſich widmen. Deshalb läßt ſich mit
einiger Sicherheit unterſtellen, daß die Abfaſſung des betreffenden
Briefes zwiſchen die Jahre 378 und 403 verlegt werden muß.
Nichts hindert uns anzunehmen, daß Gregor in der kappa-
 
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