Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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29) Die letzte dieser biblischen Scenen und de» Abschluß
der ganzen Bildwerkreihe bildet in passender Weise das
Hoch alt ar'g emäld e. Der von Judas Thaddäus Sichel-
bain aus Wangen hergestellte ehemalige Chor- und jetzige
Hochaltar.wurde fast gleichzeitig mit dem Chorgestühle auf-
gestellt. Daher konnte man bei der Wahl des Gegenstandes
für das Altargemälde unmittelbar an die Serie der Relief-
bildcr der Gestühlsdorsale anschließen. Dies geschah, indem
auf dem Altarblatte die Krönung Mariä zur Darstel-
lung kam. Das Altargemälde ist angefertigt von dem ehe-
maligen Münchener Hofmaler Johann Kaspar Sing. Der-
selbe war 1651 geboren in Braunau und ist im Jahre 1729
in München gestorben. Genanntes Bild wird den besten
Leistungen des Meisters Sing beigezählt.

Der Ideengehalt des Chorgestühles.

Es entsteht die Frage: Welche Ideen hat der Künstler
in der Plastik des Gestühles niedergelegt? Welche Gedanken
hat der Schöpfer der Schuffenrieder Stiftsstühle in seinem
Werke bildnerisch ausgesprochen? Sind vielleicht hierüber
noch Uebcrlieferungen vorhanden? — Leider ist nur ganz
wenig schriftlich Ausgezeichnetes in Bezug auf den Gedanken-
gang des Verfertigers unseres Bildwerkes zu finden gewesen;
es ist dies eine kurze Bemerkung eines kunstsinnigen St. Galli-
schen Klosterbibliothekars, welcher vor mehr als hundert
Jahren auf einer längeren Rundreise durch Schwaben und
Bayern auch den Prämonstratenser Prälatensitz zu Schussen-
ried besucht hat. Dieser gelehrte Gast süddeutscher Klöster
führte über die Eindrücke und Erlebnisse während seiner Kunst-
fahrt ein neuerdings im Drucke veröffentlichtes Reisetagbuch. H
In demselben steht betreffs des Schuffenrieder Chorgestühles
die Notiz: „An den Chorstühlen sind die Statuen aller Ordeus-
stifter im Kleinen angebracht/' (Seite 17.) Mit diesem Satze
hat der Verfasser der Reisebeschreibung nun allerdings eine
wirklich beachtenswerte Eigentümlichkeit des hiesigen Chor-
gestühles angemerkt. Denn man kann mit Recht sagen, be-
treffs der Schuffenrieder Stiftsstühle sei interessant, daß sich
an ihnen die Statuetten der Ordensstifter und Ordensstifterin-
nen vorffnden. Aber mit dem genannten Hinweise sind die
Gedanken, welche dem Meister unseres Werkes vorgeschwebt
haben müssen, noch keineswegs erschöpft. Mit ganz dem
gleichen Rechte könnte man nämlich auch behaupten: An den
Schuffenrieder Stiftsstühlen sind die wichtigsten Scenen aus
dem Leben Jesu und Mariä in Reliefbildern zu sehen. Allein
wenn man auch diese beiden berührten Gedanken, nämlich den-
jenigen von der Darstellung der Ordensstifter und denjenigen
von der Vorführung der wichtigsten Geheimnisse aus dem
Leben Jesu und Mariä zusammen betonte, so wäre man
immerhin noch keineswegs dem vollständigen Jdeengange des
Künstlers gerecht geworden.

Wie können wir nun wohl am besten dem vollen
Ideengehalte der künstlerischen Leistungen nachspüren und
möglichst uahekommen? Antwort: Beim Forschen nach dem
geistigen Gehalte der künstlerischen Gestaltungen fangen wir
wohl am passendsten eben da an, wo wir vorher mit der Aus-
zählung und Beschreibung der Bildwerke begonnen haben,
nämlich an den untersten Partien des Gestühles, an dessen
Füßen. An diese Teile der Subsellien stoßen die Kirchen-
besucher mit Füßen, Schuhen, Stiefeln und Sohlen au. Hieher

ff Süddeutsche Klöster vor hundert Jahren. Reisetagbuch des
P. Nepomuk Hauiltinger. Herausgegcben von P. Gabriel Meier, Stifts-
Bibliothekar von Einsicdeln. Köln, 1888.

hat nun der Meister das Uuheilige und das teilweise sogar
positiv Böse, daS Dämonische und Sündhafte, aber auch daö
Tierische und Pflanzliche versetzt. Was wollte er nun mit
dem Verbringe» dieser Gattung seiner Schöpfungen gerade
nach der Tiefe des Kunstwerkes besagen? Um die richtige
Antwort auf diese Frage zu gewinnen, thun wir gut, an einen
Ausspruch des Kirchenlehrers St. Augustinus zu denken.
Dieser hl. Bischof spricht nämlich die Ansicht aus, daß man
„dasjenige verachte, was man mit Füßen trete". (Kreuser
Seite 168.) Wenn wir diesen schon im vierten Jahrhunderte
kuudgegebeuen Gedanken sesthalten, dann haben wir den
Schlüssel zur Erkenntnis des Motives, wegen dessen die Ge-
stalten aus dem Reiche der bösen Geister und der Sünder,
aus dem Gebiete der Tier- und Pflanzenwelt gerade an den
Füßen der Stühle angebracht worden sind. Die Versetzung
dieser Gebilde an die untersten Gestühlsteile ist nämlich sozu-
sagen eine Erniedrigung, eine Aechtung derselben, mit
anderen Worten eine Warnung vor der Verführung durch
den Satan, vor dem Begehen von Sünden, vor tierischem
Treiben und vernunftwidrigem Benehmen. Wie manche andere
christliche Kunstwerke, so bezeugt auch das Schuffenrieder
Chorgestühl, daß eine gewisse Stelle des Psalters auf die
bildnerischen Gestaltungen Einfluß gehabt hat. Der Psalm-
vers, welchen wir im Auge haben, lautet: „lieber Viper und
Basilisken wirst du schreiten und niedertreteu Löwen und
Drachen." (Psalm 90, 13.) Diese Schriftstelle ist aller-
dings von ihrem Urheber, dem königlichen Sänger David, als
Ausdruck felsenfesten Gottvertraueus und unerschütterlichen
Höffens auf den Beistand der göttlichen Providenz gefühlt und
gedacht worden. Allein die christliche Kunst hat dem genannten
Psalmvers einen etwas anders gearteten Sinn und Zweck
unterstellt. Die Künstler legten nämlich in unsere Stelle,
beziehungsweise in deren bildnerische Darstellung hinein die
dringende Aufforderung, doch ja recht sehr entgegen-
zutreten den Schlangen und Basilisken, feindlich und mit
Verachtung vorzugehen gegen die Löwen und die Drachen.
Unter den mannigfachen Arten von Schlangen verstanden sie
aber die natterngleiche List der Sünder, und unter den zu
fürchtenden Angriffen der Löwen und Drachen begriffen sie die
von seiten der bösen Geister drohenden Gefahren, vor
welchen sie warnten. Diese Warnung nun richtete unser
Meister nach dem Willen des auftraggebenden Prälaten zu-
nächst an die ehemaligen hiesigen Mönche als die sinnbild-
kundigen geistlichen Inhaber der Stühle. Der Standort des
Gestühles, der sogenannte (Mönchs-)Chor, war nämlich früher
durch ein Gitter gegen das Mittelschiff hin abgeschlossen; er
war zu Klvsterzeiten den Laien beiderlei Geschlechtes völlig
unzugänglich und ausschließlich de» Chorherrn, Kanonikern,
wie sich die Norbertinerordensmänuer mit Vorliebe nannten,
reserviert. Seitdem aber das Chorgitter entfernt ist und die
Stühle für jedermann zugänglich geworden sind, ergeht diese
stille Warnung vor Sünde und Laster seitens des Chor-
gestühles an jeden Kirchenbesucher. — Bekanntlich hat Jehova
einstmals dem zornmütigen Kain das Wort zugerufe»: „Die
böse Lust soll unter dir sein und du sollst über sie herrschen."
(I. Mos. 4, 7.) In ganz ähnlicher Weise dringt auch aus den
Bildgruppen der Gestühlsfüße He warnende Stimme: Christen
überwindet alles, was vom Satan stammt, meidet jegliche
Sünde, haltet fern alles Tierische und Unvernünftige! Mit
einem Worte gesagt, die erste Lehre des Gestühles lautet:
„Christen fliehet Sünde und Laster!"

(Fortsetzung siehe Hauptblatt.)

Stuttgart, Buchdruckerei der Aktiengesellschaft „Deutsches Volksblatt".
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