Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1893

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eilage zum Kiözesan-Urchiv

Nr. (6.

von Schwaben.

1893.

Relkrste Holzschnitte au« Schiuaben.

Bon Amtsrichter et. D. Ä e ck.

(Schluß.)

Auö demselben Kloster stammen zwei in Ludwig Rosen-
ihals Prachtkatalog Nr. 90 über »Incunabula et chalco-
graphica« (München, 1892, Buch- und Kunstdruckerei von
Knorr & Hirth, Cliches von Osk. Consee) auf S. 25 und
26 sud Nr. 104 und 105 in Holzschnitt reproduzierte ano-
nyme Holzschnittchen a»S dem 15. Jahrhundert, nämlich ein
schwarzes ex-libris, d. h. Buchzeichen des Junkers Wilh.
v. Zell aus Biberach, eines Angehörigen des alten dortigen
in bürgerlichen Linien noch fortlebenden Patriziergeschlechts
(Allianzwappen in 12°; 75 X 71 mm). In demselben
wird man wohl eines der ältesten Buchzeichen vor sich haben,
die es giebt; das seltene Stück ist bereits in Hirths Formen-
schatz von 1884 auf Blatt 108, sowie bei Warn ecke, „die
deutschen Bücherzeichen" (»Ex-libris«) (Berlin, 1890) S. 9
abgebildet; Rosenthal setzt einen Preis von 60 Mark dafür
an ! Das Blatt fand sich auf dem Schutzblatte eines alten,
aus der Kartause stammenden Buches mit der Notiz: »Eider
Cartusien. in Buchshaim prope Memmingen donatus a
Nobili Domicello Wilhelmo de Zell«, wozu zu bemerken
ist, daß die Kartause Buxheim (Buxia) ca. vier Stunden von
Biberach entfernt war und mit dieser Reichsstadt mannig-
fache Beziehungen hatte. Es wird dies wohl derselbe Zell
sein, welcher — nach dem Katalog der ehemaligen Kloster-
bibliothek, München, 1883, im Berlage von Wilh. Behrens
Seite 135 8nb Ziffer 2512 — den im Jahre 1509
verstorbene Buchsheimer Kartäusermönch Joh. Widemann
von Weinenhorn zur Abfassung eines Manuskriptes (4. 184
Bll. auf Papier): „50 Artikel des Leidens und Sterbens
Christi" veranlaßt und dasselbe dann im Jahre 1518 dem
Kloster geschenkt hatte. — Das andere kleinere ex-lidris ist
koloriert (blau-rot-grün-gelb, 24° (68 X 60), und das
Zeichen des Hilprand v. Brandenburg de Biberach,
Kartäusers in Buchsheim, eines Sprossen eines der ältesten
und angesehensten, zu Anfang dieses Jahrhunderts ansge-
storbenen Patriziergeschlechter in Biberach; das interessante,
bei Warnecke a. a. £>.' S. 8 erwähnte Blatt zeigt das Bran-
denburgsche, von einem Engel gehaltene Wappen — einen
Ochsen mit Nasenring, weiß in blau — und ist um 20 Mark
erhältlich. Die altehrwürdige reichsunmittelbare ehemalige Kar-
tause Buxheim war überreich an alten vielfach auch bemalten
Handschriften, Formschnitten und namentlich an Inkunabeln;
was vordem aus der Bibliothek und der Kunstsammlung des
Klosters nicht schon weggekommen war, wurde im Jahre 1883
aus der Gantmasse des Grafen v. Waldbott-Bassenheim, des
Besitznachfolgers der Kartäuser, zu München versteigert; der
darüber erschienene bereits angeführte Katalog läßt einen
Einblick thun in den einstigen litterarischen Reichtum dieses
Klosters; vieles daraus wurde von der Antiguariatsbuchhand-
lung des Lud. Rosenthal in München erworben. Die zahl-
reichen Kataloge dieser Firma, insbesondere Nr. 65; dann
der in. Nr. 6 des „Archivs für christliche Kunst" von 1893,

S. 63 und 64 vom Verfasser dieses besprochene Ornamentik-
katalog Nr. 69 und vor allem der bereits genannte Pracht-
tatalog mit 102 Illustrationen geben Zeugnis von den be-
deutenden Erwerbungen aus der ' einstigen Kartäuserbücherei.

Das nächstälteste Blatt nach dem „hl. Christoph" war
ein im vorigen Jahrhundert im Benediktinerstift St. Bla-
sien befindlicher, die Marter des hl. Sebastian dar-
stellender Holzschnitts) unter welchem folgendes ebenfalls
in Holz geschnittene Gebet steht: „O Hailiger Herre vnd
Märtrer Saut Sebastian, wie ist so groß diu verdienen.
Bitte für vns vnsern Herrn ihesum -kunt das wir von der
plage vnd dem siechtagen epydimia, vnd dem gähen tode vnd
von allen vngewonlichen toben durch die gebert vnd verdienen
behütet vnd beschirmet werden. Amen. Die collecta rc. All-
mechtiger ewiger Gott wir bitten dich daß du durch verdienen
vnd bitte deines Hailigen marters saut Sebastians, rc.

183A (— 1437) Mccccxxxij."

Wir zweifeln nicht, daß auch dieser Holzschnitt, dessen
Verbleib man gleichfalls nicht mehr kennt, irgendwo in Süd-
deutschland gefertigt worden ist, und sehen gar nicht ei»,
warum die Meister dieser alten hierzulande entdeckten Holz-
schnitte immer, wie vielfach geschieht, auswärts, so am Rhein
oder in Nürnberg gesucht werden sollen! Der nächstfolgende
Holzschnitt ist ein sehr alter seltener „Kalender des
Magisters Johannes de Gamundia" voui Jahre 1439,
die älteste bekannte Ephemeride. lieber jedem Monat ist eine
kleine Runde, die ländliche Beschäftigung der Jahreszeit ab-
gebildet, außer beim Februar nicht, wo Janus an einem Tische
sitzt, in der rechten Hand einen Pokal, in der linken einen
Fisch hält. Die Wochentage sind durch Parallellinien unter-
schieden und in vier Spalten geteilt; bei jedem Monate ist
die goldene Zahl, die Sonntagsbuchstabeu, die hl. Namen
mit lateinischer Mönchsschrift ausgedrückt. Auch fehlt nicht
der periodische Umlauf des MondeS, die Zeichen des Tier-
kreises, die Tag- und Nachtlänge. Der Kalender besteht aus
zwei Blättern/ wovon jedes 10" 3"" hoch, 14" 3'" breit ist.
Im vorigen Jahrhundert war die Holzplatte noch erhalten;
sie war auf beiden Seiten geschnitten, und daher nur ein
Holzstvck. Dieser Magister Johannes de Gamundia (ch zu
Wien im Jahre 1441), „der Vater der mathematischen und
astronomischen Wissenschaften in Deutschland", welcher schon
irrigerweise mit dem zu Jsny im Allgäu zwischen 1380 bis
1390 geborenen, im Jahre 1438 zu Nürnberg f Dominikaner-
mönche Johannes Nider verwechselt wurde, ist aber seiner
Herkunft nach kontrovers, soferne er nach einigen nicht ans
Schwäbisch-Gmünd, sondern von Gmunden in Oberösterreich (?)
stammen soll. F. Bartsch und Waagen führen ans der ersten
Hälfte des 15. Jahrhunderts ein mit dem Namen des Jörg
Haspel zu Biberach bezeichntes Blatt der Wiener Hof-
bibliothek mit Christus am Kreuze und dem hl. Bernhard an,

st Allsfallenderweise hat der bekannte Polyhistor Hofrat Zapf
dieseli merkwürdigen Holzschnitt weder in seinen „Reisen in einige
Klöster Schwabens" rc. ini Jahre 178t (Erlangen, bei Joh. Jak. Palm,
1786) noch in seinem Berichte „über die vollbrachte litterarische
Reise rc." (Angsbnrg, 1782 bei Christian Deckardt) ermähnt.
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