Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 1.1850

Page: 195
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Werk ein volles Meisterwerk stellen, Rietschi's Tageszeiten.
Aber wir möchten den Leser nicht lange in dem Irrlhum lassen,
der sich ihm aus einem hingeworfenen Wort bilden könnte, als
ob wir überhaupt an aller Symbolik verzweifelten. Insofern
aber Symbolik die Kunst ist, durch Attribute, die an und für
sich schon bestimmte Vorstellungen von allgemeinen Begriffen
erwecken, eine Figur zur Würde einer Personification zu er-
heben, ist nur die Schwierigkeit zu überwinden, dass der Künst-
ler in Wahrheit bezeichnende Attribute finde, die in der von
ihm beabsichtigten Bedeutung der Mehrzahl der Gebildeten gäng
und gebe sind oder doch auf den ersten Blick einleuchten. Auch
darin wird nur zu oft noch gefehlt, dass die Attribute von zu-
fälligen Eigenschaften des zu bezeichnenden Begriffs, anstatt
von seinen wesentlichen hergenommen wrerden. Das Rietschl'-
sche Werk kann auch in dieser Hinsicht zum Muster dienen,
wie es, was Lieblichkeit der Form betrifft, von der höchsten
Vollendung ist. Vier Knaben, einzeln in runden Einfassungen,
mit kleinen Amorettenflügeln schwebend, stellen die vier Tages-
zeiten höchst sinnreich und sinnig dar. Der Morgen, indem er
mit dem Fuss schalkhaft ein Käuzchen verjagt, während zur
andern Seite eine Lerche auffliegt; der Mittag, ein Bild aller
hellen sonnigen Fröhlichkeit, indem er mit Schmetterlingen im
Fluge wetteifert. Ueberaus holdselig ist der müde Knabe, der,
wie vom leisen Abendwind gelragen, das Haupt auf die eine
Schulter neigt und die Fackel des Tages sinken lässt. Und nun
das schlafende Kind mit den Mohnstengeln in der einen Hand,
während die andere das Gewand halb über das Köpfchen ge-
hüllt hat. (Kur diese Hand scheint uns noch zu viel Kraft zu
haben, da doch der Schlummer die Glieder lös't.) Ueberall Un-
mittelbarkeit des Ausdrucks, ungesuchte Naivetät und jener feine
Tact, der aus dem Sinne der Aufgabe jedesmal das grösst-
mögliche Mass von Reiz der Formen entwickelt.

G. Hartung's allegorische Gruppe, die Vereinigung von
Rhein und Mosel darstellend, ist für Coblenz bestimmt. Der
Ort wird da hinreichend erklären, was hier des Catalogs be-
dürfte. Es ist gar hübsch und launig, wie sich das lustige junge
Weib dein alten Zottelbart in die Arme wirft, dass ihn auf seine
alten Tage noch die Liebe anwandelt. Und das Kränzlein der
Jungfrau, das sie in seine Wellen zerpflückt, scheint er sich
wohl gefallen zu lassen, obwohl er ein zärtliches Lächeln nicht
mehr zu Stande bringen kann. Trefflich ist die Arbeit an die-
sem Werk, bis auf die Nase der Neuvermählten, die überlang
und spitz erscheint. Auch sagt' es uns besser zu, wenn sie
statt des etwas frivolen Lächelns einen schalkhaften Ueber-
muth oder eine gewisse Innigkeit in den Zügen hätte.

Bei diesen Werken sind wir auf heimischem Grund und
Boden. Deutsche Luft, deutsche Kränze, Vögel und Schmetter-
linge. An des Altmeisters Rauch „drei Reliefs in Gipsmodellen,
Beziehungen aus dem Leben Friedrichs des Grossen darstellend
(für das Piedestal des Bronzedenkmals)" zeigt sich manches
Exotische. Die wundervolle Schönheit seiner Athenen und Mu-
sen, die antike Hoheit und deutsche Lieblichkeit in sich verei-
nigen, lässt uns einen Augenblick vergessen, wo wir dieser
Schönheit begegnen, neben einer Kanone, am Rococco-Kamin,
gegenüber dem Helden des siebenjährigen Krieges. Einen Augen-
blick, sagten wir? Vielleicht ganz und gar. Denn so gross
ist die Macht dieser naiven jungfräulichen Künstlerschaft, dass
sie uns einbilden kann, was sie will, dass selbst wenn sie wun-
derliche Verstösse gegen das machen sollte, was alle Welt
weiss, wir mit jenem erquickenden Gefühl lächeln, wie über ein
Mädchen, das in aller Unschuld Dinge sagt, die — nun die eben
zeigen, dass sie unschuldig ist. — Hier hätten wir nur Eins zu
wünschen gehabt, dass die Mythologie, die so unbefangen in
unsere nüchterne Geschichte tritt, Eine geblieben wäre, dass

wir der Furcht überhoben worden wären, als würde der Engel,
der auf dem einen Bilde den Eltern den ersehnten Sohn bringt,
ein Aergerniss nehmen an der Klio und Pallas. So ist Ver-
wirrung in das Märchen gebracht, und diese darf, selbst im
Märchen, nur" geduldet werden, wenn sie der Zweck dessel-
ben ist.

A. v. Randow's Wasser schöpfendes Mädchen ist sehr
hübsch in dem Wurf der Linien, minder gelungen in der Aus-
führung, die an den Wangen zu viel gethan hat, was an den
herzlich magern Aermchen versäumt ist. Das Mädchen sieht in
die Ferne mit vorgeschützter Hand. Wahrscheinlich erwartet
sie noch die Allegorie, die sie ganz vergessen zu haben scheint,
und der Künstler will doch durchaus, dass sie „die Jugend, aus
dein Quell des Lebens schöpfend" repräsentiren soll. Die Dame
Allegorie ist ganz klug, dass sie auf sich warten lässt, denn
sie weiss, zu dieser Rolle das kleine Geschöpf herauszuputzen,
reicht ihre ganze Garderobe nicht aus. Der Künstler möge sich
trösten, sein Werk verliert nichts, wenn es ein einfaches Mäd-
chen bleibt. (Schluss folgt)

Ein Beitrag zum Leben des Lucas Granach.

Lucas Cranach der ältere, der berühmte Verpflanzer der
fränkischen Schule nach Sachsen, wurde zu Cranach 1472 ge-
boren und starb zu Weimar am 16. Oktober 1553, woselbst er
begraben und ihm ein Denkstein gesetzt wurde.

Obschon die weit verbreiteten Werke dieses Meisters den
Kunstforschern zur Würdigung und Beschreibung seiner Male-
reien, Handzeichnungen und Holzschnitte vielfache Veranlassung
gegeben haben, und wir auch über sein Privatleben durch das
Werk Joseph Heller's und die Denkschrift Gunderam's in Kennt-
niss gesetzt sind, mag es doch vielleicht den Verehrern der
deutschen Kunst nicht uninteressant scheinen, mit einigen Ur-
kunden, unsern Künstler betreffend, bekannt zu werden, die
sich im Grossherzogl. Archive zu Weimar vorfinden und bisher
noch nicht zur Oeflentlichkeit gelangt sind.

Bevor wir indess dieselben wortgetreu folgen lassen, ist es
nothwendig, die Zeitverhältnisse festzustellen, unter denen der
Künstler bei den verschiedenen Churfürsten von Sachsen in
Diensten stand, und unter denen vorliegende Manuscripte ent-
standen sind.

Wenn die Nachricht gegründet wäre, dass Lucas Cranach
schon im Jahre 1493 den Churfürsten Friedrich den Weisen auf
seiner Reise nach Palästina begleitet, wie Müller in seinen säch-
sischen Annalen angiebt und auch neuere kunsthistorische Werke
berichten: so müsste er schon in seinem 20. oder 21. Jahre in
sächsische Dienste getreten sein. Indess gedenkt Spalatin im
Leben Friedrich des Weisen seiner nicht, während Gunderam
ausdrücklich über ihn ausspricht:

„Da er in seinem Geburtsorte Cranach höchst berühmt und
ausgezeichnet war, so wurde derselbe nach dem bairischen
Kriege im Jahre 1504 zum Herzoge und Churfürsten von Sach-
sen berufen, bei dem er nachher stets blieb und dessen er sich
als seines wohlthätigsten Fürsten zu erfreuen hatte."

Cranach trat also in seinem 32. Jahre in die Dienste des
Churfürsten. In seinen Gemälden bemerkt man auch keine Er-
innerung an Italien (der Churfürst ging über Venedig) oder
das Morgenland, und die Angabe Schröckhs, dass sich in der
Schlosskirche zu Wittenberg eine Reisetafel aus Leihwand be-
finde, worauf Cranach die merkwürdigsten Oerter der Reise in
Farben dargestellt, bedarf der Bestätigung.

In den ersten Jahren scheint der Künstler zu Wittenberg,
wo er seinen Wohnsitz nahm und wo der Churfürst 1502 die

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