Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 1.1850

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form in die eines Dreiecks, dessen Spitze nach unten gekehrt
ist, was im Wesentlichen keine Aenderung macht, da auch hier
die schrägen Seiten die Vermittlung bilden. In beiden Fällen
werden die Zwischenräume aber, stets der Sache gemäss, nicht
wie bei den Würfelkapitälen des Steinbaues durch Kugel-, son-
dern durch Kegelabschnitte vermittelt.

Der Gesammtanblick dieser Säulen mit ihren oben geschil-
derten Eigenlhümlichkeiten ist ein überaus ernster und dieselben
tragen vorzugsweise zu dem feierlichen und doch so harmoni-
schen Eindruck bei, den das Innere dieser Kirche gewährt.
In gleicher Weise, wie schon oben die hohe Vollendung des
Mauerwerks dieser 'Kirche in technischer Beziehung hervorge-
hoben wurde, lägst sich nun auch aussprechen, dass die Ge-
sammtanordnung dieser Kirche im Innern wie im Aeussern und
die Vollendung aller Details, trotz ihrer noch grossen Einfach-
heit, die höchste Staffel unter allen Ziegelbauten nicht nur in
der Mark Brandenburg, sondern in dem ganzen weiten Gebiete,
dessen wir oben erwähnten, einnimmt.

Diese oben geschilderten Eigenthümlichkeiten des Ziegel-
baues der Kirche zu Jerichow sind nun solche, welche dem
gesammten Ziegelbau innerhalb des ihm angehörigen Gebietes
angehören und theilen sich wieder in solche, welche entweder
in der ganzen Zeit der mittelalterlichen Baukunst oder in sol-
che, welche nur bis zur völligen Einführung des gothischen
Baustyles angewendet wurden, die also auch dort, wo die Kul-
tur erst später eindrang, entweder gar nicht vorkommen konnten
oder doch nur in späteren bereits modificirten Uebergangsformen.
Zu allen Zeiten und an allen Orten fand jene oben ausführlich
geschilderte Eigenthümlichkeit der Behandlung des Mauerwerks
statt, so wie das Verhältniss derjenigen Theile zu einander,
welche die reine Ziegelconstruktion zeigten und derjenigen, wel-
che mit Mörtel überzogen wurden. Für die Dauer des Roma-
nischen Bausystems allein hatten allgemeine Gellung: die Ver-
zierung der Aussenflächen mit Lissenen und deren Verbindung
durch Rundbogenfriese der angegebenen Arten, so wie jene
dem Ziegelbau ganz eigenthümliche Kapitälform. Letztere wurde
noch über hundert Jahre später in derselben einfachen Haupt-
form wie zu Jerichow angewendet, wenn schon gleichzeitig
daneben auch reichere Kapitälformen Geltung und endlich bei
völliger Einführung des gothischen Bausystems ausschliessliche
Anwendung gefunden haben. Das System der Lissenen und
Rundbogenfriese ward später gleichfalls durch reichere Formen-
bildungen , namentlich seit Aufnahme des Spitzbogens und seiner
reichen Nebenformen, modificirt, doch finden wir ihn in ur-
sprünglich einfachster Weise selbst noch in der Mitte des
XIII. Jahrhunderts angewendet.

Sehen wir nun diese typischen Formen des Ziegelbaues an
unserer Kirche, als dem ältesten sicher datirten Beispiele, nicht
nur überhaupt zur Anwendung gebracht, sondern auch in einer
solchen hohen Vollendung, wie sie kein folgendes Beispiel wie-
der aufweist (es lässt sich vielmehr ein allmähliches Sinken der
Technik wahrnehmen) — so sind wir gewiss zu der Frage be-
rechtigt, wo und in welcher Zeit sich jene typischen Formen
ausgebildet haben, da man nicht wohl annehmen darf, dass die
der Kirche zu Jerichow, wo sie in so hoher Vollendung er-
scheinen, auch die ersten Beispiele der Art überhaupt seien.
Die Beantwortung jener Frage ist jedoch nicht allein überaus
schwierig, sondern gegenwärtig wohl noch überhaupt unmög-
lich, da uns noch keinesweges ein genauer Ueberblick alles
vorhandenen Materiales vorliegt, namentlich nicht aus denjeni-
gen Gegenden, wo eine frühere Einführung des Christenlhums,
und mit ihr der Kultur überhaupt, eine solche frühere Anwen-
dung und Ausbildung voraussetzen lässt. Statt der eigentlichen
Beantwortung jener Frage erlaube ich mir nur die Thatsache

anzuführen, dass sich mehrere jener Eigenthümlichkeiten des
Ziegelbaues auch im nördlichen Italien gleichfalls im XII. Jahr-
hundert sicher datirt vorfinden, in einem Lande, wo der Zie-
gelbau überhaupt wegen Mangels an Hausteinen, seit den Rö-
merzeiten her in wenig unterbrochener Folge üblich war und
theilweise zur höchsten Vollendung gedieh. An den älteren
Kirchen zu Mailand, Pavia, Verona u. a. 0. finden wir nicht nur
die Lissenen und Rundbogenfriese, welche ja im romanischen
Style Italiens und Deutschlands überhaupt vorherrschen, sondern
auch speciell jene Ziegelrundbögen in der oben geschilderten ge-
doppelten Art und genau mit allen Details denen der Kirche zu
Jerichow und so vieler anderen im nördlichen Deutschland völ-
lig entsprechend. Eine so genaue Uebereinstimmung ist gewiss
nicht zufällig und deutet sicher auf einen gemeinsamen Ursprung
hin, der jedoch allerdings nicht nothwendig der eben bespro-
chenen Zeit anzugehören braucht; vielmehr ist es wahrschein-
lich, dass derselbe in eine viel frühere hinaufgreift, wie wir
denn schon in den Kirchen zu Ravenna aus dem V. und VI. Jahr-
hundert jene Lissenen und Rundbogenfriese, obgleich seltener
und in etwas einfacherer Weise vorfinden: diese aber deuten
jedenfalls auf Vorbilder in Byzanz und dem übrigen Orient hin,
da sich gleichzeitig in Rom nichts Aehnliches vorfindet. Dass
also eine Uebertragung auf Deutschland hin stattgefunden habe,
dürfte ausser Zweifel stehen; die Zeit jedoch, wann es gesche-
hen, ist viel schwerer zu bestimmen, da wir diese Einführung
gleichzeitig mit der römischen Architektur in deren Besitzungen
am Rhein u. s. w. nicht wohl annehmen dürfen, indem der rö-
mische Ziegelbau in ältester Zeit wohl überhaupt nicht sichtbar
bleiben sollte; erst sehr spät haben wir vereinzelte Beispiele,
die schon in die Zeit hinübergreifen, wo die christlichen Basi-
liken allgemein aus Ziegeln ohne Abputz im Aeussern erbaut
wurden. (Schluss folgt.)

Die diesjährige Berliner Kunstausstellung.

(Fortsetzung.)

Es geht uns wie gewiss manchem Maler, der, was er unter
dem Himmelblau Italiens gesehen und empfunden hat, unter
Anleitung einiger Striche in seinem Buche und unter dem Him-
melgrau unseres lieben Vaterlandes malen will. Der tiefe Ein-
druck auf ein leicht empfängliches Gemüth kann allerdings dau-
ernd und nachhaltig sein, allein es giebt noch allerlei andere
Dinge in Bezug auf Farbe und Form zu beachten, ohne welche
eben jener Eindruck nie dagewesen, und auch nicht wieder her-
stellbar ist. Fürchtet man schon, dass viel verloren gehe auf
dem weitem Wege von dem Auge zur Hand, um wie viel mehr
mag nicht verloren werden, auf dem langen Wege von Italien
nach Deutschland. — Gurlitt veranlasst uns zu dieser Bemer-
kung. Nicht als ob er von der sonnigen Höhe, auf welcher er zu
weilen pflegt, herabgestiegen wäre, seine beiden grossen Land-
schaften: die eine aus dem Albaner-, die andere aus dem Sabi-
nergebirge trugen ganz das Gepräge seiner gesunden und glück-
lichen Auffassung der italischen Natur; dennoch aber neigte
sich die letztgenannte Landschaft einer gewissen Kühlheit und
Nüchternheit zu, die uns auf den Gedanken brachte, dass hier
meistens aus der Erinnerung gemalt sein müsse. Das würde
übrigens weit weniger bemerkbar sein, wenn es nicht gerade zu
Gurlitt's Vorzügen gehörte, dass er mit fester, sicherer und
rascher Hand den unmittelbaren Eindruck, den sein klares Auge
aufgenommen hat, in ganzer Frische und Fülle zu geben weiss.
Wie angenehm treten diese Eigenschaften an einem Blumenstück
hervor, womit uns der Landschafter überraschte. Das waren
frisch gepflückte und halb in einen Glaskorb geordnete, halb

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