Waldner, Alice; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 11,4): Die Chronologie der Kuretenstraße: Archäologische Evidenzen zur Baugeschichte des unteren Embolos von Ephesos von der lysimachischen Neugründung bis in die byzantinische Zeit — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2020

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3.6 Die Kuretenhalle

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3.6 DIE KURETENHALLE

Bereits 1904 wurde die Nordhalle des unteren Embolos durch R. Heberdey angeschnitten. Dabei
kamen mächtige Säulen zum Vorschein, auf denen Listen des Kultpersonals der Kureten einge-
meißelt waren (Abb. 29)741. Sie sind namengebend für die Kuretenstraße und natürlich auch für
den Hallenbau, den sie in der Spätantike von der Straße abgrenzten.

In der Kampagne des Jahres
1996 wurde von W. Pietsch eine
Grabung in der sog. Kuretenhal-
le durchgeführt (Sondage 1/96),
wobei einerseits deren Datierung
und der vermutete Zusammenhang
mit der Renovierung des Variusba-
des durch die Christin Scholastikia
geklärt werden sollten, anderer-
seits die Verbauungssituation des
untersten Embolos in der hellenis-
tischen Zeit sowie in der frühen
und mittleren Kaiserzeit (Abb. 1 c,
SO 1/96). Aufschlüsse erhoffte man
sich außerdem über die Gestaltung
der Nordseite des Embolos und den
Zeitpunkt der ersten Pflasterung der
Kuretenstraße mit Marmorplatten742.


Abb. 29 Die Kuretenhalle mit den Säulentrommeln aus dem Prytaneion
bei der Freilegung 1904-1905

3.6.1 Die Befunde
Die Befunde und die Stratigrafie der Strukturen in der Kuretenhalle (SO 1/96) sind in einem
ausführlichen und detaillierten, jedoch unpublizierten Grabungsbericht dokumentiert743, weiters
konnte für die vorliegende Arbeit auf eine vollständige grafische Dokumentation der Grabungs-
befunde und auf das Grabungstagebuch des Jahres 1996 zurückgegriffen werden744.
Die Sondage wurde im Westteil der Halle angelegt, da im nordöstlichen Abschnitt der Abwas-
serkanal der Latrine den Befund von vornherein als gestört auswies. Die Grabungsfläche betrug
insgesamt 12 x 5,30-5,40 m und wurde von W. Pietsch aus arbeitsökonomischen Gründen von
Westen nach Osten in vier Abschnitte (Grabungsflächen M) untergliedert (Abb. 31, GF 1-4)745.
Auf der gesamten untersuchten Fläche zeigten sich teilweise komplizierte Befunde an baulichen
Resten der spätantiken Halle, vor allem aber nicht näher zuzuordnende Mauern, Ausrisse, Was-
serleitungen und Kanäle (Abb. 30), die vom Ausgräber stratigrafisch >entzerrt< und verschiedenen
Phasen zugewiesen werden konnten.
Im Folgenden sollen die Stratigrafie und die vom Ausgräber erkannten Bauphasen erläutert
und anschließend die Datierung der Einzelstrukturen anhand der Fundkomplexe präzisiert werden.

741 s. o. Kap. 2.2.
742 Karwiese 1997, 9; Pietsch 2001.
743 Pietsch 2001.
744 Das handschriftliche Tagebuch des Jahres 1996 war nicht mehr auffindbar. Für die Zusendung des digitalisier-
ten Grabungstagebuchs vom 20. 5.-21. 6. 1996 bedanke ich mich herzlich bei W. Pietsch. Das gesamte 1996
abgetippte Tagebuch konnte schließlich 2008 in der Grabungsbibliothek des ÖAI im Grabungshaus von Selfuk
aufgefiinden und eingearbeitet werden.
745 W. Pietsch verwendet in seinem Bericht das Kürzel »GF« für »Grabungsfläche«, Pietsch 2001. Dieses wird hier
mit Ausnahme von wörtlich aus dem Bericht zitierten Passagen und den Beschriftungen auf den Plänen nicht
verwendet, um eine bessere Verständlichkeit zu gewährleisten, zumal auch die Einzelbefunde mit Kürzeln und
Buchstaben bezeichnet werden.
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