Waldner, Alice; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 11,4): Die Chronologie der Kuretenstraße: Archäologische Evidenzen zur Baugeschichte des unteren Embolos von Ephesos von der lysimachischen Neugründung bis in die byzantinische Zeit — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2020

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4 Exkurs: Technologische und typologische Überlegungen zur Kuretenstraße

Der älteste nachweisbare Straßenkörper besteht also vom 3./beginnenden 2. Jahrhundert v.
Chr. bis in domitianische Zeit aus fest gestampften, dicht gefügten Sand-Kiesel-Erde-Kera-
mik-Stein- und Ziegelsplittschichten. Ein statumen (Fundament), beispielsweise aus Steinblö-
cken, konnte nicht festgestellt werden. Auch der rudus - eine im römischen Straßenbau übliche
Schüttung aus größeren Ziegeln und Zement - fehlt. Der nucleus aus feineren Kieselsteinen,
Ziegelstückchen u. Ä., sowie die summa crusta (Oberfläche), die aus Kies, Sand oder einem
Steinpflaster bestehen kann, fallen gewissermaßen zusammen. Eine Wölbung der Straße zur Mitte
hin, welche implizieren würde, dass das Regenwasser seitlich abfließen konnte, ist anzunehmen,
für den Nachweis war die Grabungsfläche in der Kuretenhalle aber zu klein933.
Die Tatsache, dass die erste, ungepflasterte Kuretenstraße in ihrem Aufbau nicht dem ange-
führten Bauschema entspricht, ist nicht verwunderlich, da dieses nicht als starre Vorschrift galt.
Varianten sind immer wieder zu beobachten und wohl abhängig von den lokal verfügbaren
Materialien und der Erfahrung der jeweiligen >Straßenbaumeisten. Der epigrafischen Evidenz
nach zu schließen, wurde der Embolos unter Domitian mit Marmorplatten gepflastert934, eine
Neupflasterung der Plateia, die von H. Thür und A. Hoffmann für die sog. Marmorstraße gehal-
ten wird935, wird allerdings bereits für neronische Zeit überliefert936. Daher ist zu erwägen, ob
nicht auch die Kuretenstraße schon wesentlich früher mit Marmorplatten ausgelegt wurde, wofür
allerdings keine explizite epigrafische und/oder archäologische Quelle existiert. Der Platz vor
der Bibliothek wird zu Beginn des 2. Jahrhunderts mit Marmorplatten gepflastert937, schließlich
gibt es noch Quellen zu einer Neupflasterung des >Triodos<-Platzes zur Zeit Gordians und zu
einer erneuten Pflasterung oder Reparatur der »Plateia«938. Auch die jüngste fassbare Trasse
der Kuretenstraße ist noch mit Marmorplatten gepflastert, die durch eine teilweise gemörtelte,
niedrige Rollierung939 von einem älteren Straßenbelag getrennt sind. Letzterer besteht ebenfalls
aus Marmorplatten und sitzt seinerseits wiederum auf einer dünnen Erd-Kies-Rollierung auf
den Abdeckplatten des am Südrand unter der Straße verlaufenden, ca. 2 m hohen Sammelkanals
auf. Ob die großen marmornen Abdeckplatten des Kanals die älteste Pflasterung bezeugen, diese
also ursprünglich direkt über den abwasserführenden Kanal verlegt wurde und gleichzeitig am
Südrand der Kuretenstraße als Abdeckung des Kanals fungierte, ist anhand dieser nur auf kleinen
Flächen gewonnenen Ergebnisse zwar nicht mit letzter Sicherheit festzustellen, aber zumindest
nicht auszuschließen.
Die jüngste Marmorpflasterung der Kuretenstraße dürfte in das 6. Jahrhundert n. Chr. zu
setzen sein, allerdings konnte diese Datierung bislang nur an zwei Stellen nachgewiesen und
verifiziert werden (Abb. 1c, SO1/96 und KUS 06)940. Für die ältere Pflasterung ergibt sich daraus
zumindest ein terminus ante quem, eine genauere Datierung steht bislang allerdings mangels
weiterführender Untersuchungen aus.
Auch über die Anlage und die Nutzungsdauer des Kanals unter der Kuretenstraße lassen sich
keine genauen Aussagen treffen, er dürfte aber bis zum Verlassen des Stadtteils in Betrieb gestan-
den sein.

933 Zum Aufbau antiker (römischer) Straßen s. Heinz 2003, 42; Chevallier 1997, 114-118; s. außerdem: <http://www.
imperiumromanum.com/geografie/strassen/strassen_05.htm> (30. 11. 2017).
934 IvE 3008 (Pflasterung des Embolos in den Jahren 94/95); s. auch Hoffmann 2008, 49 f. Amn. 69.
935 Thür 1995, 80; Hoffmann 2008, 49.
936 IvE 422A; Hoffmann 2008, 49 Amn. 69; vgl. auch Halfmann 2001, 67.
937 IvE 5101. 5113; Hoffmann 2008, 49 Amn. 69; Halfmann 2001, 71.
938 IvE 3009; Hoffmann 2008, 49 Amn. 69; Halfmann 2001, 92.
939 Es handelt sich bei dieser >Rollierung< allerdings um eine nur im südlichen Randbereich des unteren Embolos
(KUS 2006) nachgewiesene Struktur, die möglicherweise auch von einer Straßenreparatur zeugt oder im Zuge
einer solchen eingebracht wurde.
940 Das jüngste Straßenpflaster ist allerdings auch anhand seines Erscheinungsbilds als spätantik zu identifizieren, so
kommen darin beispielsweise Spolienplatten zum Einsatz. Außerdem weisen die Platten so gut wie keine Spuren
von Fahrrillen auf, was bedeutet, dass die Straße nach der letzten Pflasterung bereits Fußgängerzone war. Zu einer
solchen war sie ja durch den Einbau des Heraklestors an ihrem Ostende geworden (s. z. B. Thür 1999b, 119). Es
konnte zwar bislang kein Vorgängerbau des Heraklestors ermittelt werden, ein solcher ist aber dennoch nicht ex
silentio auszuschließen.
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