Waldner, Alice; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 11,4): Die Chronologie der Kuretenstraße: Archäologische Evidenzen zur Baugeschichte des unteren Embolos von Ephesos von der lysimachischen Neugründung bis in die byzantinische Zeit — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2020

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5 AUSWERTUNG UND INTERPRETATION:
DIE BAUGESCHICHTE DES UNTEREN EMBOLOS
5.1 DER UNTERE EMBOLOS IN (SPÄT-)HELLENISTISCHER ZEIT
5.1.1 Die Trasse der Kuretenstraße und ihre Begrenzung
Die ältesten Nachweise der Straßentrasse am unteren Embolos von Ephesos bilden die Stra-
ßenschichten des späten 3. und frühen 2. Jahrhunderts v. Chr., die unter der Kuretenhalle ange-
troffen wurden. Die ursprünglich nichtgepflasterte Straße, die bis in das 1. Jahrhundert v. Chr.
in kurzen Abständen immer wieder aufgeschüttet und festgefahren wurde, war - zumindest im
Norden - ab dem 3.-2. Jahrhundert v. Chr. von mittelhohen bis einlagigen Begrenzungsmauern
und Bordsteinreihen gesäumt. Die Mauer J ist nach Ausweis des keramischen Fundmaterials in
das 3. Jahrhundert v. Chr. zu datieren, die Mauer G in das frühe bis mittlere 1. Jahrhundert v.
Chr., die Mauer H in das spätere 1. Jahrhundert v. Chr. Die Orientierung dieser Bordsteinmauern
unterschiedlicher Zeitstellung war zwar in sich kohärent und wurde kontinuierlich beibehalten,
weicht aber von der späteren Orientierung der Kuretenstraße und der sie flankierenden Strukturen
ab. Insgesamt ist also für die Hauptstraße der neugegründeten Stadt zumindest im Gebiet des
unteren Embolos ursprünglich eine andere Ausrichtung und Gestalt anzunehmen. Die Mauer H
stellt möglicherweise die Unterkonstruktion einer Art Gehsteig dar, der in Zusammenhang mit
der Begrenzung G zu sehen ist. Bei der Blockmauer J, die aus einem in Ephesos sonst nirgends
nachgewiesenen Interstick-Mauerwerk besteht, kann möglicherweise davon ausgegangen
werden, dass sie ursprünglich die Straßentrasse von den (älteren [?]) sie flankierenden Gräbern
abtrennte941, oder dass sie eine Begrenzungsmauer gegen einen Ausläufer des Panayirdag bil-
dete942. Offensichtlich folgte der Straßenverlauf der Orientierung dieser Mauer und wurde bis in
das 1. Jahrhundert v. Chr. beibehalten.
An der Nordseite des unteren Embolos konnten für die (spät-)hellenistische Zeit also bislang
keine Einzelmonumente, Versorgungsbauten oder sonstige Bauten nachgewiesen werden. Viel-
mehr dürfte die ungepflasterte Straßentrasse zumindest am unteren Embolos breiter gewesen sein
als in ihrer letzten fassbaren Phase, sie reichte ca. 7-9 m (schräg verlaufend) in die spätere Kure-
tenhalle hinein, deren Nordmauer erst im Zuge der spätantiken Baumaßnahmen errichtet wurde.
Für die Mauern G-J wird außerdem ein Zusammenhang mit den hellenistischen Befunden im
Bereich des Auditoriums zu postulieren sein; diese lassen sich allerdings mangels Aufarbeitung
geschlossener Fundkomplexe aus dem Bereich des Bibliotheksvorplatzes nicht genau datieren,
sodass sich eine Übereinstimmung der Befunde als schwierig gestaltet. Die Orientierung der
Mauern G-H weicht jedenfalls von jener der Nordost-Südwest ausgerichteten, von W. Jobst
als archaische Straßenbegrenzungs- oder Hangstützmauer interpretierten Struktur am Biblio-
theksvorplatz im Süden der Neronischen Halle ab943, was dafür spricht, dass die hellenistischen
bis späthellenistischen Strukturen anders ausgerichtet waren. Auch der von W. Pietsch postu-
lierte mögliche Zusammenhang mit dem Rest eines Peristyls im Südwesten der Insula M/l - es

941 Vgl. ähnlich interpretierte Konstruktionen postulierter archaischer und frühhellenistischer Zeitstellung, die bei
der sog. Auditoriumsgrabung und bei den Arbeiten am Staatsmarkt entdeckt wurden, s. Grabungsberichte Vetters,
1978; Vetters 1979; Vetters 1980. Jobst 1983, 178-183. Vgl. auch Scherrer - Trinkl 2006, 20 gegen eine vor-
augusteische Datierung einer entsprechenden Mauer im Bereich des Auditoriums, und Groh 2008, 68, der eine
hellenistische Datierung der Mauer für möglich hält, da sie dem von ihm für die hellenistische Zeit postulierten
Raster folgt. Nach Hueber 1997, 266 f. schließt Groh die Interpretation dieser Mauer als Teil einer Osthalle der
unteren Agora (für ihn der Platz in unmittelbarer Nähe zum Hafen) nicht aus.
942 W. Pietsch schlägt hingegen aufgrund der »höhenmäßig engen Aufeinanderfolge von Bodenniveaus« vor, dass sie
die mit der Sichtseite nach außen gerichtete Außenmauer eines sich nördlich davon befindlichen Innenraumes sei.
Pietsch 2001.
943 Jobst 1983, 173-177. s. auch Scherrer - Trinkl 2006, 346 Plan 12.
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